Choreograf Lee: Die Tänzer sind das Klavier

Neben Weltstar William Forsythe und dem jungen Talent Alexander Ekman ist der gebürtige Engländer Douglas Lee (36) der dritte Choreograf, der ein Stück zum Ballettabend Drei Farben: Tanz beisteuert. Premiere ist der 9. November (Samstag). Im Interview erklärt Lee, warum er bei "Piano Piece" Tänzer in ein Klavier gesteckt hat.

Dortmund.. In der Szene, die ich gesehen habe, bewegten die Tänzer sich wie nicht menschliche Wesen. Einiges erinnerte an Breakdance.
Breakdance - nein, das würde ich nicht sagen. Die Tänzer in meiner Choreografie bewegen sich puppenartig und nicht emotional, aber Breakdance ist für mich kein bewusster Einfluss. Aber wenn Sie das sehen, habe ich nichts dagegen.

Was sehen Sie in Ihrem Stück?
Ich sehe sie nicht als ein großes, einzelnes Stück, sondern als eine Reihe von Episoden. Verschiedene Bereiche, die unterschiedliche Stimmungen haben: zum Beispiel eine dunkle, mysteriöse Szene und daneben eine dynamische, expressive. Insgesamt acht, einige davon sind noch im Entstehen. Aber das Ende ist fertig, das ist hilfreich.

Gibt es eine zentrale Szene?
Es gibt, ganz klassisch, einen großen Pas de Deux in der Mitte. Getanzt von Monica (Fotescu-Uta, Anm.d.Red.) und Mark (Radjapov).

Bei der Probe standen vier schwarze Flügel auf der Bühne - offenbar nicht nur als Kulisse, denn sie haben mit den Tänzern ausprobiert, wie die Flügel in den Tanz eingebunden werden können. Zum Beispiel haben zwei Tänzer einen Flügel geschoben, und Arsen Azatyan hat sich darunter durchgerollt. Warum Flügel?
Ballett wurde früher häufig zu Live-Klaviermusik getanzt. Ich übertreibe das ein wenig und spiele mit diesem Symbol. Zwischen Tänzern und dem Piano besteht ja eine besondere Verbindung.

Welcher Art? Eine Art Liebe oder Verwandtschaft?
Das könnte man sagen - ich meine, ich liebe Klaviermusik - aber es ist kein biografisches Ballett. Jedenfalls ist es eine innige Beziehung. Als Balletttänzer hörst du die Musik manchmal nicht einmal, trotzdem reagierst du darauf und bewegst dich danach.

Sie haben probeweise Tänzer in den Flügel hinein steigen lassen. Wenn sie wieder hinausstiegen, erinnerte das an eine Geburt.
Der berühmte Choreograf George Balanchine sagte mal: Die Tänzer sind das Klavier und der Choreograf ist der Pianist. Mir sind die Momente wichtig, in denen die Tänzer reine Körper sind, die sich auf seltsame Arten über die Bühne bewegen. Wenn ein Tänzer in einer Bodenklappe steht und nur sein Oberkörper herausragt, isoliert das einen Teil seines Körpers. Dann ist er mehr eine sich bewegende Skulptur. Wie in Balanchines Zitat sind die Tänzer dann Instrumente, die eine Form ausdrücken und kein Gefühl.

Das "Piano Piece" ist also ein abstraktes Stück?
Nicht nur. Ich möchte beides vereinen.

Xin Peng Wang sagt oft, ihm gehe es um Menschen. Worum geht es Ihnen?
Ich möchte nicht viel über Menschen erzählen. Für mich braucht ein Tanzstück keine Geschichte, um Emotionen auszulösen. Wenn Sie ein abstraktes Werk der Bildenden Kunst betrachten, können Sie auch etwas fühlen. Ich glaube, Formen und Gestalten erzählen auch Geschichten, aber auf eine andere Art. Eine, die ebenso kraftvoll und berührend sein kann. Anders herum habe ich schon Aufführungen von "Romeo und Julia" gesehen, die bei mir gar nichts ausgelöst haben.

Wo werden Sie bei der Premiere am 9. November sein?
Ich sitze im Publikum.
Vorn oder hinten?
Ich werde an der Seite sitzen, weil ich nach meinem Stück auf die Bühne gehe und mich verbeuge.

Achten Sie während des Stücks mehr auf die Choreografie oder auf’s Publikum?
Ich achte auf die Tänzer. Sie wollen nach dem Stück sicher ein Feedback von mir, und da darf ich sie nicht enttäuschen. Das ist der einzige Grund, warum ich zuschaue, ich werde nämlich ziemlich nervös sein.

Premiere von "Drei Farben: Tanz" ist am 9. November (Samstag) um 19.30 Uhr im Opernhaus. Weitere Termine: 17., 30.11.; 27., 31.12.; weitere im kommenden Jahr.

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