Charlotte von Stein allein im Salon

Rainer Wanzelius

Charlotte von Stein, allein im Salon. Goethe ist nach Italien geflohen, die Weimarer Gesellschaft straft sie durch Schweigen. Mit wem also spricht sie? Wessen Fragen beantwortet sie? Wessen Einwände räumt sie beiseite?

Peter Hacks hat sein Monodram, den Bühnenbestseller von 1975, jetzt gelesen von Helga Uthmann im Harenberg City-Center, etwas breit „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ überschrieben - Gespräch also mit wem?

Als anwesend darf man sich den Schatten des Josias Freiherrn von Stein vorstellen, der, ein Pflegefall, vor sich hindämmert und dem Charlotte ihre Lebens- und Liebesgeschichte beichtet. Über Goethe. Über die (in den Briefen so gern verrätselte) Liebe Goethe / Stein, wie platonisch oder fleischlich sie auch immer gewesen sein mag. Doch der Schatten schweigt - und stellt schweigend die richtigen Fragen.

Für Weimar und die gesittete Welt

Sie habe, antwortet Charlotte, diesen ungehobelten Kerl Goethe nicht für sich gewollt, „sondern für Weimar und die gesittete Welt“. „Er fluchte, und wenn er nicht fluchte, flennte er.“ Die Begegnung mit ihm erinnert sie eine einzige inszenierte Selbstdarstellung; zugehört habe er nie. Er habe sie „geliebt“, das heißt benutzt: um schreiben zu können, den „Tasso“, die „Iphigenie“. Sie war das Instrument auf seinem Schreibtisch. Welches Glück, dass Gott sie „vor der Torheit des Liebens“ bewahrt hat!

War es so? Und was war los in der Nacht zum 10. Oktober 1780? Das körperliche Versagen des Dichterfürsten als Anlass der Flucht? Die Wahrheit, die des Peter Hacks jedenfalls, am Ende ist diese: Charlotte wartet auf die Post, Nachricht aus Italien. Und wenn sie dann kömmt, öffnet sie sie nicht.

Hacks verdichtet die Zeitsprünge. 1780 ist weit zurück, wenn Goethe von Karlsbad nach Italien reist (1786). 1787 erkrankt der Freiherr Josias (er stirbt 1793), 1788 ist Goethe bereits wieder in Weimar .- und wendet sich Christiane Vulpius zu. Es ist, als spiele „Ein Gespräch im Hause Stein …“ zu ganz unterschiedlichen Zeiten gleichzeitig.

Beredtes Schweigen

Ob das „Gespräch“ überhaupt ein Vorlesestück ist? Helga Uthmann, der man ja so gerne zuhört, muss sich das tatsächlich fragen lassen. Als Lesende kann sie nicht auf das beredte Schweigen des Gatten reagieren, schließlich hat sie sich selbst ihrer mimischen Mittel beraubt. Das reine Lesen glättet den Text, nimmt ihm Ecken und Kanten. Nur - der Weg zu einer gespielten Fassung ist weit und schwer.

Über eine Wiederaufnahme der Lesung im Herbstprogramm wird im HCC gleichwohl nachgedacht.