BVB-Fans wollen in Mainz schweigen

Stefan Reinke
Foto: Bodo Goeke

Dortmund. Für zehn Minuten wollen die Dortmunder Ultras beim Auswärtsspiel in Mainz schweigen, sitzen und Zeitung lesen. So wollen sie gegen die drastischen Maßnahmen demonstrieren, die in den letzten Wochen gegen Fans getroffen wurden. DerWesten sprach mit zwei Vertretern der Dortmunder Fanszene.

Zehn Minuten sitzen, schweigen und Zeitung lesen - mit dieser ungewöhnlichen Form von Protest wollen die Dortmunder Ultras am Samstag in Mainz gegen drastische Strafen gegen Fußball-Fans demonstrieren. Die Fans fürchten, dass der DFB in Zukunft öfter zu Kollektivstrafen wie Blocksperrungen oder Fahrverboten zu Auswärtsspielen greifen wird. So muss Hertha BSC Berlin für ein Spiel die Ostkurve des Olympiastadions leer lassen, weil im Anschluss an das Spiel gegen Nürnberg einige Chaoten den Platz gestürmt hatten. Der 1.FC Köln muss beim Gastspiel in Hoffenheim komplett auf eigene Fans verzichten - als Strafe, weil einige Kölner Wochen vorher in ihrem Block gezündelt hatten.

Gegen Kollektivstrafen

Gegen diese Bestrafung aller Fans wollen die BVB-Anhänger ein Zeichen setzen. DerWesten sprach mit Daniel Lörcher und Magnus Wollenhaupt von der Ultra-Gruppierung The Unity.

Zum Spiel in Mainz habt ihr eine Aktion geplant. Was sind die Hintergründe?

Daniel Lörcher: Wir wollen ein Zeichen gegen die pauschalen Verurteilungen, wie es sie zuletzt gegen Fans von Köln, Nürnberg, Berlin und anderen Vereinen gegeben hat, setzen. Solche Verurteilungen führen zu Verhältnissen, wie es sie in England gibt. Das wollen wir mit unserer Aktion verhöhnen und uns deshalb demonstrativ hinsetzen und Zeitung lesen.

Magnus Wollenhaupt: Je pauschaler die Urteile sind, desto mehr verhärten sich die Fronten. Nach dem Ding in Berlin wurde die Versitzplatzung der Stadien gefordert, obwohl es in Berlin gar keine Stehplätze gibt. Und selbst wenn man die Stehplätze abschaffen würde, wären die gleichen Leute im Stadion, die man heute als Problemfans betitelt, im Stadion. Es wäre nur weniger Laufkundschaft im Stadion.

Wenn ihr sagt, dass Kollektivstrafen nichts bringen, habt ihr bestimmt eine Lösung parat.

Lörcher: Am Beispiel Berlin hat man ja die Täter ganz deutlich im Fernsehen erkennen können. Und die Ultra-Szene hat die Vorfälle auch sehr selbstkritisch reflektiert und auch Strafen für die Täter akzeptiert. Letztlich hilft nur Kommunikation.

Wie soll so eine Kommunikation aussehen?

Wollenhaupt: Bei Konferenzen des DFB oder der DFL werden Fans außen vor gelassen. Das wirkt doch so, als sei niemand an Fans interessiert. Es gibt ja durchaus vernünftige Leute in Fankreisen...

Lörcher: ... denen man mit solchen Pauschalurteilen die Argumente gegen weitere Dummheiten nimmt.

Die Aktion in Mainz soll in einer Phase der Saison stattfinden, in der die Mannschaft alle Unterstützung brauchen kann. Ausgerechnet da wollt ihr schweigen?

Wollenhaupt: Das ist die Keule, die immer kommt. Am Anfang der Saison hätte es geheißen, die Mannschaft müsse ja aus den Puschen kommen, jetzt ist es der Endspurt. Es gibt wohl keinen perfekten Zeitpunkt. Aber wenn man nichts macht, ärgert man sich hinter her auch.

Lörcher: Uns ist wichtiger, jetzt einmal auf zehn Minuten zu verzichten als in Zukunft über 90 Minuten. Wir werden aber auch die Mannschaft darüber informieren, dass sich die Aktion nicht gegen sie richtet.

Und dann sitzen da 2.500 BVB-Fans und lesen Zeitung?

Wollenhaupt: Wir werden keinen dazu zwingen. Wer singen will, soll singen. Wir werden niemanden anpöbeln. Wichtig ist, dass die Mainzer sich auch an der Aktion beteiligen. Das wird schon seine Wirkung erzielen. Die Frage ist, ob überhaupt drüber berichtet wird.

Und was wird diese Aktion bewirken?

Wollenhaupt: In erster Linie wollen wir die Leute sensibilisieren. Wir denken einfach, dass man etwas machen muss, damit es eben keine kompletten Reiseverbote gibt oder Ähnliches. Das ist ja auch im Sinne der Vereine und der Spieler. Welcher Spieler will denn schon vor leeren Tribünen spielen? Volle Stadien und tolle Stimmung sind doch auch für den Verband wichtig, um den Fußball zu verkaufen.

Lörcher: Was manche Maßnahmen wie die Fan-Card oder Reiseverbote für Auswärtsfans bringen, sieht man ja an konkreten Beispielen. In Italien ist die Gewalt ja trotzdem da. Da sind nur die Stadien fast leer, weil die normalen Fans sich den Stress nicht mehr antun, eine Karte zu kaufen. Ich glaube nicht, dass es das ist, was der Verband will.

Wie groß sind denn die Probleme in Deutschland überhaupt? Sind die in letzter Zeit größer geworden?

Wollenhaupt: Ich denke, das wirkt nur so. Die Medien stürzen sich auf viele kleinere Vorfälle. Natürlich sind Aktionen wie die von den Nürnbergern in Bochum Mist. Es war einfach dumm, in einem überfüllten Block zu zündeln. Dass man die Kölner mit einem kompletten Reiseverbot für ein Spiel belegt, ist für mich ein Unding. Auch im Falle Berlin ist die Schließung der ganzen Ostkurve viel zu hart. Damit trifft man den normalen Fan, aber der Zeitungsleser sieht, dass man etwas getan hat.