Buch arbeitet die lange Geschichte der BVB-Fanszene auf

Stefan Reinke
Auftrag der Fans: „Auf den Spuren des verlorenen Henkelpotts.“
Auftrag der Fans: „Auf den Spuren des verlorenen Henkelpotts.“
Foto: dpa
103 Jahre ist Borussia Dortmund alt. Nicht ganz so lange verfügt der Verein über eine stetig wachsende Fanszene. Die Geschichte der schwarz-gelben Anhängerschaft haben nun zwei Journalisten akribisch und mit vielen Zeitzeugen aufgearbeitet. Jetzt erscheint ihr Buch "Unser ganzes Leben".

Dortmund. Die Fans von Borussia Dortmund machen nicht erst seit den großen Choreografien der Ultras auf sich aufmerksam. Fangesänge wie "Olé, jetzt kommt der BVB" haben ihren Siegeszug sogar weltweit angetreten. Sich selbst feiern die Schwarz-Gelben als "Die besten Fans der Liga". Das war nicht immer so. In den frühen 80er Jahren bestimmte die rechtsradikale Borussenfront das Image der Dortmunder.

Die Journalisten Ulrich Hesse und Gregor Schnittker haben die Mammut-Aufgabe bewältigt, die wechselvolle Geschichte dieser Szene anschaulich zu machen. In ihrem rechtzeitig zum Champions-League-Finale in die Läden kommenden Buch „Unser ganzes Leben“ lassen sie Zeitzeugen und prägende Figuren der Dortmunder Fan-Geschichte zu Wort kommen. Dabei sparen sie auch unrühmliche Zeiten nicht aus. Wir sprachen mit Gregor Schnittker darüber, was für ihn das Besondere an den BVB-Fans ist.

Wer hatte die Idee, die Geschichte der BVB-Fans in Buchform aufzuarbeiten?

Gregor Schnittker: Die Idee gibt es schon seit Anfang der 2000er Jahre. Damals sagten Leute rund um den späteren Vorsitzenden der Fanabteilung Reinhard Beck, dass die Fanszene von Borussia Dortmund es verdient habe, mit einem Buch gewürdigt zu werden. Damals gab es schon Konzepte. Aber es fehlte die Zeit und es ging nie über Ideen hinaus. Später trat dann der Werkstatt-Verlag, dem das Konzept vorlag, an Uli Hesse heran. Der machte sich dann auf den langen, einsamen Weg, die Fan-Geschichte aufzuarbeiten.

Ich bin dann dazu gestoßen, weil Uli gehört hatte, dass ich nach Peter „Erbse“ Erdmann suchte (Urheber des legendären „BVB-Walzer“ und ehemaliger Gastronom vom Borsigplatz, Anm. d. Redaktion). Er bat mich dann, bei seinem Projekt mitzumachen.

Die Fan-Geschichte seit 1909 oder erst seit der Nachkriegszeit?

Schnittker: Das war ein offener Arbeitsauftrag. Es war natürlich klar, dass der Begriff „Fan“ erst nach dem Krieg aufkam. Früher sprach man eher von „Schlachtenbummlern“. In der Anfangszeit waren die Zuschauer ja auch eher Familienangehörige. Die Atmosphäre an der Weißen Wiese muss man sich so vorstellen, wie es heute an einem normalen Fußballplatz ist, wo am Rande ein paar Verwandte und Freunde stehen.

Erst mit den ersten Erfolgen gab es auch Zulauf aus anderen Bereichen der Nordstadt. Das war, bevor die Borussia zur Roten Erde umzog. Beim DFC, dem heutigen TSC Eintracht, war das anders. Der war als Vertreter des Südens auch im übrigen Stadtgebiet respektiert und gemocht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Fan-Bewegung an Größe zugenommen. Spätestens mit dem Gewinn der Westfalenmeisterschaft 1947 in Herne gegen Schalke war der BVB als Vertreter Dortmunds anerkannt. Da ist es auch überliefert, dass Tausende den BVB mit allen möglichen Fortbewegungsmitteln zum Spiel nach Herne begleitet haben.

Wie kommt das? Hat das etwas mit der besonderen Situation nach dem Krieg zu tun?

Schnittker: Der Fußball hat durch de Acht-Stunden-Tag enormen Zulauf erhalten. Das war aber schon nach dem Ersten Weltkrieg so. Plötzlich stand der Fußball nicht nur dem Bürgertum, sondern auch den Arbeitern offen. Das sorgte auch für einen Schub bei den Zuschauern. Bei Borussia war es so, dass sich der Verein in der Stadt erst mal emanzipieren musste. Es gab zum Beispiel den VfL Hörde, der als erster Verein in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn gewinnen konnte. Und mit dem Goystadion verfügte der Verein über eine brauchbare Anlage. Borussia hat sich erst kurz vor dem Krieg als Dortmunder Verein etabliert.

"Das BVB-Trikot ist Bestandteil der Kleiderkammer" 

Was zeichnet den BVB-Fan aus? Hat sich da ein Typus herauskristallisiert?

Schnittker: Ich glaube, es gibt im Ruhrgebiet einen besonderen Typ Fußball-Fan, der seine Mannschaft mit besonderer Leidenschaft verfolgt...

... Aber zwischen den Fan-Szenen gibt es doch Unterschiede. Die MSV-Fans neigten zum Beispiel immer schon zum Nörgeln, während in Dortmund und Gelsenkirchen die Leidenschaft im Vordergrund stand.

Schnittker: Zu den MSV-Fans kann ich nichts sagen. Ich meine in erster Linie den Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und anderen Städten wie München oder Frankfurt. Im Ruhrgebiet gibt es ein hohes Maß an Fahnen, Aufklebern, Plakaten und dergleichen, das es woanders so nicht gibt. Der Fußball gehört zum Stadtbild. Dadurch sind Stadt und Verein fast nicht zu trennen. Mir passiert es, dass Leute in die Stadt kommen und fragen, gegen wen der BVB heute spielt, weil so viele Menschen mit Trikots oder anderen Fanartikeln in der Stadt unterwegs sind. Na, irgendwas müssen die Leute doch anziehen! Das Trikot ist hier ein Bestandteil der Kleiderkammer, das kann man auch spieltagsunabhängig anziehen. Hier ist es normal, dass ältere Leute einen Anorak mit BVB-Logo tragen. Für uns ist das normal. Auswärtigen fällt das auf. Die Verflechtung von Stadt und Verein ist in Dortmund extrem hoch.

Wenn wir mal die Nachkriegszeit als Startpunkt nehmen, war diese Verflechtung zwischen Verein und Stadt da auch schon so?

Schnittker: Die Identifikation war da. Aber der Fußball spielte in den 50er Jahren eine andere Rolle als heute, wo wir uns Fußball als Hobby oder gar als Lebensinhalt leisten. Fußball war nicht das Wichtigste im Leben. Wichtig war, die Kohlen reinzuholen – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber der Enthusiasmus war genau gleichwertig zum heutigen, wenn auch aus anderen Motiven heraus. Es war eher Ablenkung vom Alltag. Heute muss die Borussia nicht mehr vom Alltag ablenken, sie gehört zum Alltag und ist immer Thema. Am Stammtisch in der Kneipe stand, nach dem, was uns unsere Gesprächspartner erzählt haben, oft die Maloche im Vordergrund.

In Dortmund unterhalten sich die alten Leute nicht über ihre Krankheiten, sondern über die Aufstellung des BVB. Dieses Klischee stimmt?

Schnittker: Ja. Wir haben ja mit vielen älteren Fans gesprochen. Da haben uns viele alte Männer und Frauen ihre Geschichten erzählt. Deren Enthusiasmus, das Funkeln in den Augen, das war das, was bei der Arbeit an dem Buch am meisten Freude bereitet hat. Weil es gezeigt hat, wie groß die Liebe zu Schwarz-Gelb ist. Wenn man das Thema „Borussia“ anspricht, ist die Welt ganz schnell in Ordnung. Nicht nur, wenn man über erfolgreiche Zeiten spricht. Auch bei Gesprächen über Beinahe-Pleiten oder die Zweite Liga haben die Leute Spaß gehabt.

Was für schillernde Figuren kommen in dem Buch zu Wort?

Schnittker: Zu aller erst würde ich Erwin Pfänder nennen, der für die Gegend um den Borsigplatz als SPD-Abgeordneter im Landtag saß. Der weiß sehr genau, wie die Gefühlslage rund um den Borsigplatz war. Der hat gesagt, man habe den Erfolg des Vereins immer in den Gesichtern der Leute erkennen können. Wir haben uns mit Winfried Pawlak unterhalten, der uns erzählt hat, wie es früher bei Borussia Dortmund war oder wie es war, zu Auswärtsspielen zu fahren. Wie kam man an Tickets? Wie war das, 1956 zum Finale nach Berlin, 1957 nach Hannover zu fahren? Wie funktionierte das? Das waren tolle Gespräche, und Leute sind bis heute wie kleine Jungs beseelt von diesen Farben.

Sie haben auch kritische Aspekte nicht ausgelassen und mit Protagonisten der Borussenfront gesprochen. Was war das für ein Gefühl?

Schnittker: Wir haben mit Hooligans gesprochen und auch mit Angehörigen der Borussenfront. Wir haben niemanden ausgelassen. Es war aber auch nicht allzu schwer, an die Leute ran zu kommen, denn auch die sind Fans. Wir haben gesagt: „Es ist besser, wenn wir mit euch reden als wenn wir über euch schreiben.“ Das sind ja auch zu erst mal ganz normale Menschen, die am Spieltag aber bisweilen ihr Gesicht verändern.

Mit der Borussenfront zu sprechen, ist natürlich dann heikel, wenn man das Gefühl hat, dass der Mensch, der einem gegenüber sitzt, ein rechtsradikales, menschenfeindliches Weltbild hat oder dass für den die Gewalt im Vordergrund steht.

Stand denn zur Debatte, diesen Aspekt auszublenden?

Schnittker: Es war völlig klar, dass wir die Zeit der Borussenfront ausführlich darstellen. Die führte ja auch letztlich zur Gründung des Fan-Projekts. Es war uns klar, dass es zum journalistischen Handwerk gehört, umfassend zu recherchieren.

Ein größeres Problem war es offenbar, Journalisten zu finden, die sich klar zu ihrem Verein bekennen. Warum ist ausgerechnet das so schwer?

Schnittker: (lacht) Ich glaube, Journalisten wollen den Mantel der Unabhängigkeit nie ablegen. Das will ich auch nicht. Darum bin ich zum Beispiel auch kein Vereinsmitglied. Aber ich habe auch irgendwann mal Freizeit. Ich habe kein Problem damit, zu sagen, ich bin Fan und Journalist. Fan zu sein, heißt nicht, dass man nicht kritisch sein kann. Es gibt aber Kollegen, die sich schwer tun und vielleicht auch berufliche Nachteile befürchten.

"Fan-Kultur und Fan-Politik profitieren von Dortmunder Initiativen" 

Lassen die Erzählungen aus der Geschichte der Fanszene Entwicklungen für die Zukunft ableiten? Manche wähnen ja zum Beispiel die Ultra-Bewegung auf dem absteigenden Ast.

Schnittker: Es gab schon immer Allesfahrer. Es gab schon immer Leute, die ihre Liebe zum Verein über alles Andere gestellt haben. Die Ultras stehen für mich eigentlich zu sehr im Fokus, dafür, dass sie einfach nur eine Gruppe sind, die sich mit ihrem Verein in besonderem Maße identifiziert. Bei den Recherchen haben wir viele kritische Stimmen gehört, was Privilegien für Ultras, das Verhalten oder die Akustik im Stadion angeht. Aber mein Eindruck war, dass es hier keinen so tiefen Graben zwischen Ultras und dem Rest der Fanszene gibt.

Uns wurde aber auch klar, wie viele positive Impulse schon von Dortmund ausgegangen sind. „Die besten Fans der Liga“, das war der BVB Anfang der 90er. Vor allem international. Dass der Fußball von seinem Proleten-Image wegkam, ist auch ein Dortmunder Verdienst. Es war relativ neu, dass Tausende Fans durch Europa reisen und nicht Schutt und Scherben hinterlassen, sondern mit guten Manieren ein positives Bild abgeben. Auch viele Fangesänge haben ihren Ursprung in Dortmund. Und jetzt haben wir Fan-Bewegungen wie „Kein Zwanni“, „Zwölf Doppelpunkt Zwölf“ oder „Ich fühl mich sicher“. Das finde ich sehr stark. In vielen anderen Bundesliga-Städten scheinen nicht so viele kritische Köpfe zu sitzen. Fan-Kultur und Fan-Politik profitieren oft von Dortmunder Initiativen.

Wird auch das Rätsel um den Urheber von „Olé, jetzt kommt der BVB“ gelöst?

Schnittker: Den gibt es nicht. Das Lied entstand an einem kalten Tag in einer Kopenhagener Kneipe, wo in der Musikbox immer und immer wieder dieses Lied gespielt wurde.

Wenn eine der Ur-Ideen für das Buch die Suche nach „Erbse“ Erdmann war – haben Sie ihn denn gefunden?

Schnittker: Ja, wobei ich aus ganz privatem Interesse nach dem Gastwirt vom Borsigplatz gesucht habe. Uli Hesse sagte, ich solle die Geschichte aufschreiben, egal, ob ich Erbse finde oder nicht. Ehrlich gesagt, hatte ich geglaubt, ich suche nach einem Grabstein. Aber ich habe Erbse im Taunus gefunden, lebendiger als lebendig. Er ist jetzt wieder präsent in Dortmund, auch im Stadion, und lässt nichts aus. Wenn man sehenden Auges durch die Gegend läuft, dann sieht man ihn auch.

Am 29. Mai wird das Buch im Stadion Rote Erde präsentiert. Was haben Fans da zu erwarten?

Schnittker: Es kann jeder kommen, der ein schwarz-gelbes Herz hat. Wir werden zusammen mit einigen Leuten, die auch im Buch zu Wort kommen, ein paar Bier trinken, Bratwurst essen und das Buch vorstellen. Es wird natürlich auch ein Programm geben. Das machen Uli und ich selbst, aber das wird kein großes Kino – wir sind ja keine Entertainer. Mit Uli zusammenzuarbeiten war eine große Freude und ich habe viel gelernt. Am 29. Mai wollen wir uns auch bei allen bedanken, die die vielen, vielen Fotos für das Buch herausgesucht haben. Da haben wir großes Glück gehabt und konnten das Buch wirklich reich bebildern.