Birds, Martha Muff, Fantasio

Betrachtung unseres Karikaturisten Klaus Pfauter
Betrachtung unseres Karikaturisten Klaus Pfauter
Foto: WR

Dortmund.. Ich bin letztens durch die Stadt gegangen. Ich kenne mich aus, aber ich sage ihnen: Wenn man gewohnten Ansichten eine andere Bedeutung gibt, werden sie besonders. Erinnerung gibt ihnen eine andere Bedeutung.

Der Ostenhellweg - sagen nicht nur Städtebaumeister - ist am östlichen Ende nicht sehr besonders. Aber eines der Häuser beherbergte 1968 den „Birdsclub“. Ich weiß, die Älteren unter uns hätten erwartet, dass ich das Wörtchen „legendär“ in diesem Zusammenhang benutze. Lass ich aber weg. Legendär ist wie märchenhaft, aber die Clubs hier waren alles andere als das. Die hatten ihre Realität.

Im „Birds“ konnte man sich den letzten Rest Tanzschulen-Gelerntes aus den Knochen schütteln. Genormte Schritte, die wie Kästchen-Hinkeln auf Gehweg-Platten funktionierten, waren Anhängsel aus Zeiten, als der Foxtrott die ziemlich einzige Möglichkeit für Pubertierende war, Mädchen zu berühren. Wenn auch nur am Rücken.

Im Birds konnte man sich Attitüden zulegen, eine HALTUNG. Eine, die man mit Tornister nicht hinkriegte. Haltung machte einen sicher, die Tonne musste also zuerst weg. Signale konnten sogar im Dunklen ausgesendet werden, sie kamen immer an. „In-A-Gadda-Da-Vida“ von „Iron Butterfly“ war das Medium oder „I’m a man“ von „Chicago“. Wuchtig war die Musik im Schwerlastverkehr unterwegs, sie schob einen voran. Hörunfällen konnte man kaum ausweichen, und es waren die einzigen Unfälle, auf die ich mich freute. Das ist bis heute so geblieben. Ich mag laute Musik.

Dann ging ich die Münsterstraße runter. „Oma Plüsch“ und „Fantasia“ waren erste Adressen dort. Die „Linie 3“ der Straßenbahn rumpelte an beiden Läden vorbei. Ich war in der Lehre und so in meinem anderen Leben - wieder etwas weniger Haltung also. Aber am Samstag gab’s Razzien, das war cool. Allerlei Zeugs flog durch die Gegend, von dem wir heute wissen, dass man es lieber die Toilette runtergespült hätte. Einmal für immer. „Frijid Pink“ nagelte einen mit den tonnenschweren Riffs von „House of the Rising Sun“ an die Schallmauer.

Ich schlenderte am Hansmann-Haus vorbei. Kurz vor der Ecke Märkische -/Saarlandstraße gab es das „Martha Muff“. Gegenüber steht ein alter Baum. Auch heute noch. Unter dem hatte sich mein Freund Ingolf den ersten Schuss gesetzt. Das war dumm, denn danach war es mit der Haltung vorbei. Lässige Junkies gibt es nicht. Noch nicht mal Keith Richards war als Junkie lässig, und der hatte genug Geld, um sich für alle Zeiten überall besten Stoff in jeder Menge besorgen zu können. Und die Rechtsanwälte dazu, die ihn immer wieder raushauten.

Mein Kumpel hatte immer nur schlechtes Zeug und listlose Pflichtanwälte. Insgesamt hat er sechs Jahre gesessen. Immer wieder Drogen. Er hat es nicht gepackt, er ist einfach nur zugrunde gegangen. Mensch Ingolf, hab ich manches Mal gedacht, Du warst so schlau, warum hast Du Blödmann nicht auf Braumeister Brinkhoff gehört, der immer vor dem Überschreiten der Genussmittelgrenze Pilsbier gewarnt hat? Nicht, dass Saufen nicht schlimm wäre, aber es ist - in Maßen - länger verträglich.

So bin ich durch Dortmund gegangen. Wenn ich das zu Hause erzähle, sagt mein Sohn immer: „Au Mann, jetzt erzählt er wieder vom Krieg.“ Falsch, ich kenne den Krieg gar nicht. Ich erzähl’ nur von Musik, Mädchen und warne vor Drogen. So ’ne typische Väter-Nummer eben. Aber ich tue das gerne. Es war meine Zeit der Menschwerdung, es ist meine Stadt.

 
 

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