Bastian Ostermann: "Die sind extrem schräg drauf"

Musiker mit und ohne Behinderung spielen in den Bands beim Konzert "Domo Vision" am Donnerstag im FZW. Der Autist Bastian Ostermann ist mit dabei, und zwar als Sänger gleich mehrerer Bands. Mit Tilman Abegg sprach der 43-Jährige über seine Musik, seine Musikerkollegen und seine Behinderung.

Dortmund. Mit dem Konzert im FZW endet das "Dortmunder Modell", ein Projekt der Universität zur musikalischen Förderung von Menschen mit Behinderung. Das Gespräch fand im FZW statt.


Abegg: Sie sind Musiker und Sie sind Autist. Wie passt das zusammen?


Ostermann: Ich weiß ja gar nicht genau, ob ich Autist bin. Aber ich vermute, dass ich das hab. So bei manchen Sachen kommt das ein bisschen raus. Die krasseste Form des Autismus, die ich kenne, ist ja das Locked-In-Syndrom. Davon habe ich gehört. Aber das ist bei mir nicht der Fall - ich sprech' ja (lacht).Als Kind habe ich nicht so leicht Kontakt zu anderen gefunden. Aber das hat sich gelegt. Aber manchmal bin ich ein bisschen in mich gekehrt.


Wie ging's los mit Ihnen und dem Dortmunder Modell?


Das ging damit los, dass die Claudia Schmidt und die Lis Marie Diehl bei uns in der Werkstatt Gottessegen in die Gruppen gegangen sind und rumgefragt haben und so Rhythmusübungen mit uns gemacht haben. Erst war ich im Uni-Chor bei Frau Professorin Irmgard Merkt, dann bin ich in den Gesangsunterricht bei Milli Heuser (Profi-Jazzsängerin aus Bochum, Lehrerin beim Projekt Dortmunder Modell, Anm.d.Red.) gekommen.


Was haben Sie da gelernt?


Gelernt habe ich nicht so viel, ich konnte ja schon alles.


Was konnten Sie schon?


Na, singen halt.


Was hat Ihnen das Projekt denn gebracht?


Naja, ich habe zumindest einige interessante Leute kennengelernt. Zum Beispiel Milli Heuser. Und vor allem die Coopers, die sind ja extrem schräg drauf, du.


Die als "Marshall Cooper Band extended version" zusammen mit Teilnehmern des Projekts beim Musik-Inklusiv-festival im Oktober im Domicil aufgetreten sind. Inwiefern sind die schräg drauf?


Naja, das kann ich eigentlich extrem schwer erklären, wie so Musiker halt drauf sind. Die trinken sich ja auch ganz gern mal einen, deswegen passen die eigentlich recht gut zu mir. Ich fühl mich bei denen so richtig unter Kollegen.


Haben Sie vorher schon Musik gemacht?


Ganz früher war ich Sänger in der Schulband gewesen, in den Jahren '85 bis '87. Nach meiner Entlassung habe ich kaum noch Musik gemacht.


Was haben Sie stattdessen gemacht, wenn Sie von der Arbeit in der Werkstatt nach Hause kamen?


Viel Musik gehört. Musik gehört und ferngesehen.


Welche Art von Musik hören Sie am liebsten?


Ich bin da für alles offen. Nur Klassik höre ich nicht so. Ein Musiker hat mal gesagt: Singen soll so einfach wie Sprechen sein. Das ist in der Klassik nicht so, die singen ganz anders als sie sprechen.


Was bedeutet Musik für Sie?


Eigentlich so ziemlich alles. Anders kann ich das nicht beantworten. Ich wäre gern Musiker, als Beruf. Seit mir im Alter von vier Jahren mal eine Schallplatte von Frank Sinatra von meinen Eltern in die Hände fiel, wollte ich immer Sänger werden.


Haben Sie Pläne für die nächste Zeit?


So genau noch nicht. Aber es läuft weiter. Ein paar Auftritte sind geplant.


Ist es für Sie ein Thema, dass Sie mit Musikern mit und ohne Behinderung zusammenzuspielen?


Nein. Das ist mit beiden gleich.


Geht das allen Ihren Kollegen mit Behinderung so?


Also bei dem einen oder anderen seh ich da mehr Probleme als bei mir. Die sind nicht ganz so locker drauf. Wären's zwar gern, aber sind es nicht. Manchmal verhält sich jemand zum Beispiel wegen eines Down-Syndroms ziemlich kindisch, das kann dann auch schon nerven.


Haben Sie Erfahrung mit Menschen gemacht, die Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung haben?


Gibt's schon. Ich hab ja Gott sei Dank eine Behinderung, die man nicht so sieht. Beispielsweise als ich noch bei meinem Vater gewohnt habe, habe ich mal am Fenster gestanden, und nebenan feierten ein paar Jugendliche eine Party.


Einer rief: He Olli, komm mal, der Behinderte steht wieder am Fenster, die alte Mullesau' - so hat der mich genannt. Im besten westfälischen Dialekt.


Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Behinderung für die Zuschauer bei Ihren Konzerten eine Rolle spielt?


Nein, habe ich nicht.


Sie sagen, Sie sind manchmal in sich gekehrt und etwas schüchtern - wie ist das auf der Bühne?


Da bin ich's nicht.


Sind Sie ein Autist, wenn Sie auf der Bühne stehen?


Hmm. Nein. Nein, das ist dann der Teil von mir ohne Autismus.