Autorin Hildegard Wohlgemuth – engagiert, klug und etwas zornig

Ivette Vivien Kunkel

Dortmund. Die Autorin Hildegard Wohlgemuth von der Gruppe 61 äußerte einem Journalisten gegenüber, dass sie es ablehne, biographische Angaben über sich mit drucken zu lassen. „Uninteressante Tatsachen“, sagte sie. „Auf das Gedicht kommt es an.“

Dieser Aussage folgend verzichte auch ich auf Fakten über sie.

Sie sei die „avantgardistische Lyrikerin“ der Gruppe 61 gewesen – „lyrisch-linke Literatur“ und „Arbeiterdichterin“ sind weitere Stempel, die ich auf ihren Texten und Büchern finde. Ich weiß, dass diese Schlagworte nichts aussagen: aber es ist der erste Eindruck, den ich von ihr bekomme. Vorsichtig und skeptisch nähere ich mich ihr, Schritt für Schritt und mit gespitzten Ohren.

Ein wenig ist es so, als hätte man den Auftrag bekommen, gemeinsam mit einer anderen Autorin einen Text zu schreiben. Einer Autorin, die man nicht kennt, nur wenige Fakten, nur ein Umriss. Jetzt sollen wir uns zusammen setzen und zusammen arbeiten; wie das wohl wird? Man kann nicht sagen, dass wir auf den ersten Blick Freundinnen geworden wären; wir sitzen dort und ich lese ihre Gedichte, kleine, einfache Zeilen, aussagekräftig und handwerklich gelungen, thematisch kreisen sie alle um Schlote und Schornsteine, so scheint es mir, und ich müsste lügen, würde ich sagen, und sei es nur für die Zeitung, dass ich von ihren Gedichten angetan wäre - aber dann erwischt es mich doch: ich lese einen Prosatext.

Monolog an der Theke

„Monolog an der Theke“ heißt er und beginnt mit: „Leckt mich doch alle. Klar hab ich Haltung.“ Der Mann sitzt dort, sinniert über seine Vergangenheit und darüber, dass „seine Alte“ jetzt arbeiten geht. „Meine Alte, die spinnt. Für zwei-fuffzig die Stunde. Für die Jungens, sagt sie und lässt uns ganztags verkommen.“

Aktuell und modern

Ein vierzig Jahre alter Text, aktuell und modern wie nur was. Plötzlich sehe ich mich nicht mehr einer Fremden gegenüber: plötzlich ist sie eine Frau Mitte Dreißig, die mit einer großen Tasse Milchkaffee in den Händen vor mir sitzt und über die Ungerechtigkeiten der Welt spricht. Engagiert, klug und ein bisschen zornig. Es folgt eine Geschichte über den Fabrikarbeiter Worms, der eines Tages die Sonne anschreit, sie solle doch reinkommen in seine Halle, und gegen Fenster und Türen schlägt und schließlich in der Psychiatrie landet: „Nun schwimmt ihre Stimme (die der Krankenschwester, Anm. der Lesenden) weiter, ein Spruchband, ein Tonband auf dem Flur, dem Fließband von Zimmer zu Zimmer. Gute Nacht. Schnell. Schneller. Werkstück. Schematisch. Gute Nacht. Auspfiff für den Tag. Jenen, diesen. Einzelteile. Ins Leben entlassen. Schnell. Auf dem Fließband. Nacht. Gute Nacht. Heute. Nun. Aufhören! Abstellen!“

Jetzt lächeln wir uns an. Lyrik? Nein. Aber ganz sicher Dichtung. Ver-dichtung der Sprache und die Beschäftigung mit den Outsiders, gesellschaftlichen Randerscheinungen; denen, die immer da sind, die aber niemand hört und niemand sieht. Verprügelte Kinder, die dann auch im Heim nicht zurechtkommen, Kinder, die Angst vor der Erde und den Blumen haben, weil dort drin „schlagende Wetter“ wohnen ...

Jetzt lächeln wir uns an. Beugen uns über unser Papier und beginnen mit den Notizen.