Ausschreitungen bei BVB-II-Spiel gegen den KSC waren offenbar geplant

Chaoten unter sich: Anhänger des BVB (l.) brachten Sturmmasken und Knüppel mit ins Stadion, um auf einen möglichen Angriff von KSC-Anhängern vorbereitet zu sein.
Chaoten unter sich: Anhänger des BVB (l.) brachten Sturmmasken und Knüppel mit ins Stadion, um auf einen möglichen Angriff von KSC-Anhängern vorbereitet zu sein.
Foto: Stefan Reinke
Die Ausschreitungen am Rande der Partie zwischen dem BVB II und dem Karlsruher SC waren offenbar geplant. Das geht aus Berichten von Polizei und Augenzeugen hervor. 80 KSC-Anhängern wurde der Zutritt zum Stadion verwehrt. Sie wollten drinnen auf BVB-Fans treffen. Die waren auf Krawalle vorbereitet.

Dortmund. Sollte die Drittliga-Begegnung zwischen den Amateuren von Borussia Dortmund und dem Karlsruher SC am Dienstagabend in Chaos und Krawallen enden? Berichte der Polizei und Aussagen von Augenzeugen deuten darauf hin.

Rund 150 Anhänger des KSC hatten nach Angaben der Polizei vor Beginn des Spiels versucht, das Stadion "Rote Erde" zu stürmen. Rund 80 teils gewaltbereite KSC-Anhänger wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen. Ein Krawallmacher wurde wegen Verdachts auf Landfriedensbruch festgenommen, er muss mit einem Strafverfahren rechnen. Sieben Personen wurden verletzt, darunter eine Polizistin, die von einem Faustschlag getroffen wurde.

Auf Dortmunder Seite waren nach Augenzeugenberichten Ultras der Gruppe "Desperados", Hooligans und Autonome Nationalisten im Stadion, die sonst nicht in so geballter Menge bei Spielen der Amateure anwesend sind. Einige waren vermummt, trugen Sturmhauben oder Schlagstöcke. Offenbar rechneten sie mit einem Angriff. Die Polizei geht von einer geplanten Aktion der KSC-Anhänger aus und ist froh, womöglich Schlimmeres verhindert zu haben.

Fanbeauftragter kritisiert Einsatzkonzept der Polizei

Nach den Ereignissen rund um die "Rote Erde", die die Gewaltdebatte im deutschen Fußball wieder anheizen werden, versucht der Fanbeauftragte des KSC, die Situation zu beschwichtigen. Es habe "Fehlverhalten auf beiden Seiten", von Polizei und Fans, gegeben, sagt Wolfgang Sauer. Das Einsatzkonzept der Polizei sei nicht glücklich gewählt gewesen, die Beamten hätten nicht deeskalierend gewirkt.

Für die erste Aufregung sorgten allerdings Anhänger des KSC, das gibt auch Sauer zu. Sie verließen ihre Busse nicht wie abgesprochen auf einem Parkplatz am Stadion, wo sie von der Polizei in Empfang genommen werden sollten, sondern auf der Bundesstraße 54. "Das war vielleicht der erste Fehler", sagt Sauer, der seit 1999 Fanbeauftragter des Karlsruher SC ist.

KSC-Anhänger suchten gezielte Konfrontation mit BVB-Fans

"Vielleicht hat sich die Polizei verarscht gefühlt, aber es war nicht bösartig gemeint. Die Fans wollten wohl gemeinsam zum Stadion laufen und die ersten Gesänge anstimmen."

Dortmunds Polizeidirektor Andreas Wien glaubt nicht an diese Theorie. "Sie haben ganz gezielt versucht, auf BVB-Fans zu treffen", ist Wien sicher. "Es ist ein absolut unübliches Verhalten, an dieser Stelle aus den Bussen auszusteigen. Es gab keine Anzeichen dafür. Aber wir waren ziemlich schnell dran und konnten Schlimmeres verhindern."

Polizei setzt Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Randalierer ein 

Nach Aussage von Wolfgang Sauer wurden die KSC-Anhänger von der Polizei begleitet und vor dem Stadion festgesetzt, damit sie nicht auf Fans des BVB treffen. Mehrfach hätten sich die Fans wieder in Bewegung setzen dürfen, aber immer nur für wenige Meter.

Augenzeuge Tobias E. berichtet zudem von rund 50 schwarz gekleideten KSC-Anhängern, die aus Richtung Innenstadt auf das Stadion zuliefen, um es zu stürmen. Ein Zaun und ein massives Polizeiaufgebot hinderten sie allerdings daran. "Das war schon krass und sah sehr bedrohlich aus", sagte der 29-Jährige gegenüber der WAZ Mediengruppe. "Ich habe noch nie so ein großes Polizeiaufgebot bei einem Drittligaspiel gesehen", so der Student weiter.

Weil zahlreiche Chaoten sich aber nicht beruhigten und nicht stehen bleiben wollten, setzte die Polizei schließlich Pfefferspray und Schlagstöcke ein, es kam zur Eskalation. "Die Fans haben nicht mehr auf Worte reagiert", rechtfertigt Andreas Wien den Einsatz. Zunächst war von 30 Verletzten die Rede, später von sieben.

Kein direkter Vorwurf an die Polizei

Der Einsatz sei unnötig und übertrieben gewesen, kritisiert Sauer. Seiner Meinung nach hätten die Gruppen problemlos aneinander vorbei geführt werden können. "Es war genug Polizei da", so der Fanbeauftragte.

Er wolle der Polizei zwar keine direkten Vorwürfe machen, aber man habe die Situation auch anders lösen können. Die Polizei hätte stärker auf Deeskalation setzen müssen. Sauer: "Jeder wird zum Problemfan wenn er mit Pfefferspray in Berührung kommt."

Hundertschaften waren offenbar ortsunkundig

Von mehreren Seiten wurde zudem Kritik an der Auswahl der eingesetzten Hundertschaften der Polizei laut. Mindestens eine sei zum Beispiel aus Bielefeld angereist und nicht ortskundig gewesen. So seien die Fans nicht auf dem kürzesten Weg zum Stadion geführt worden. Die Dortmunder Hundertschaften sind zurzeit damit beschäftigt, im Stadtgebiet Nazis und Linke zu beobachten.

Dortmunds Polizeidirektor Andreas Wien hält dagegen: "Es ist unerheblich, ob sie ortskundig sind. Alle Hundertschaften in NRW sind im Umgang mit Fußballfans trainiert. Wir hätten sie friedlich zum Stadion führen können." Wien lobt das Verhalten der Einsatzkräfte als "richtig gut, so wie man es sich nur wünschen kann. Sie haben verhindert, dass nichts Schlimmeres passiert ist."

Im Stadion kam es zu Auseinandersetzungen zwischen KSC- und BVB-Anhängern 

Was passiert wäre, wenn sämtliche KSC-Anhänger Zugang zum Stadion erlangt hätten, lässt sich nur erahnen. Wie Augenzeugen berichten, mischten sich unter die BVB-Fans Leute, die sonst nicht in so geballter Menge zu Spielen der Amateure kommen: Ultras, Hooligans und Autonome Nationalisten.

Auf Fotos sind vermummte Gestalten, teilweise mit Sturmhauben und Knüppeln, zu erkennen. Die Namen einiger Beteiligter sollen mittlerweile auch der Polizei bekannt sein. Offenbar waren sie auf einen Angriff von KSC-Chaoten vorbereitet.

Sie stürmten ins Stadion, als sie bemerkten, dass einige KSC-Fans, die bereits im Stadion waren, anfingen, ein wenig Radau zu machen. "Die sind auf den Zaun zwischen Gästeblock und Heimblock auf der Gegengeraden zugerannt und haben versucht, das Tor zu öffnen", so ein weiterer Augenzeuge, der namentlich nicht genannt werden will.

KSC-Anhänger stoßen Tor zum Heimblock auf

Etwa 30 bis 40 Dortmunder seien ins Stadion gestürmt und in Richtung Gästeblock gelaufen. Unterdessen war es den KSC-Fans gelungen, das Tor zum Heimblock aufzustoßen. Im Tor stand noch ein Ordner. Statt durch das Tor zu stürmen, blieben die rund 20 bis 30 Karlsruher aber stehen und fuchtelten mit den Armen in der Luft.

Als die Dortmunder angerannt kamen, schloss sich das Tor wieder und beide Seiten "kommunizierten" mit Drohgebärden und Tritten gegen den flexiblen Zaun, der die Blöcke trennt. Als die Polizei kam, verzogen sich beide Lager. Die KSC-Fans gingen wieder auf ihre Plätze, die BVB-Fans setzten sich auf die Stufen der Nordkurve und blieben den Rest des Spiels über auch dort.

Beide Lager gehen Prügelei aus dem Weg

"Der Vorfall war nur Gepose. Wenn die KSC-ler etwas gewollt hätten, hätten sie den Ordner umgeschmiert und wären durch das offene Tor gestürmt. Wenn die Dortmunder wirklich gewollt hätten, wäre es denen auch gelungen, zu den Karlsruhern zu kommen", so der Augenzeuge weiter. Gut möglich also, dass gezielte Krawalle nur ausblieben, weil zahlreichen, offenbar gewaltbereiten KSC-Anhängern der Zutritt zum Stadion verwehrt blieb.

Busse dürfen keine Rastplätze ansteuern

Auf dem Rückweg nach Karlsruhe wurden die KSC-Fanbusse von der Polizei bis an die Landesgrenze zu Baden-Württemberg begleitet. Um weitere Auseinandersetzungen zu verhindern, durften sie keine Rastplätze ansteuern. Die Polizei habe zuvor an jeder Raststätte die Ausfahrten gesperrt, sagt Wolfgang Sauer. "Unverhältnismäßig" nennt der Fanbeauftragte das.

Er rechnet nun eine Reaktion des DFB, mindestens mit einer Geldstrafe. Es wäre nicht die erste Sanktion für Karlsruhe in jüngster Zeit. Nach dem KSC-Abstieg in der Relegation gegen Jahn Regensburg (2:2) hatten Rowdys der Badener zunächst im Stadion bengalische Feuer abgebrannt und sich danach rund um die Arena gewalttätige Auseinandersetzungen mit Jahn-Fans und der Polizei geliefert. Bei den Krawallen erlitten 18 Beamte und 58 weitere Personen Verletzungen. Die Polizei setzte vorübergehend über 109 Hooligans fest.

Erst kürzlich Geisterspiel gegen Osnabrück

Das DFB-Sportgericht hatte den Karlsruher SC in mündlicher Verhandlung wegen fünf Fällen eines unsportlichen Verhaltens seiner Anhänger dazu verurteilt, das Heimspiel gegen Osnabrück am 8. August (1:1) unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen.

Gespielt wurde am Dienstagabend übrigens auch noch: Der KSC gewann mit 3:0 (0:0) und fuhr den ersten Saisonsieg ein. Die BVB-Reserve stürzte dadurch auf einen Abstiegsrang.

 
 

EURE FAVORITEN