"Ascheopfer" stranden in Wickede

Gerald NILL
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck

Dortmund. Gehetzte Blicke, genervte Kommentare. Urlaubserholung sieht anders aus.

Gestern Mittag landete trotz generellen Flugverbots eine Germanwings-Maschine in Wickede mit Mallorca-Touristen - darunter viele, die eigentlich ganz andere deutsche Ziele angepeilt hatten und nun verzweifelt Anschlüsse suchten. Einige nahmen's mit Humor und hatten „Ascheopfer” aufs Revers gedruckt.

Gestern Mittag am Flughafen Wickede: Knapp 200 Flüge sind seit vergangenem Freitag, als die Aschewolke aus Island den Fliegern in die Quere kam, bereits ausgefallen. 20 000 Fluggäste hoben deshalb nicht ab. Wieder ist die ganze Anzeigetafel voll mit annullierten Verbindungen. Nein, nicht die ganze. Zwei Maschinen gehen 'raus, zwei kommen 'rein.

»Es riecht nach Kerosin«

„Gleich kommen sie”, sagt eine Mutter auf der Aussichtsterrasse zu ihren Kindern, die auf Oma und Opa aus Mallorca warten. Die Familie kann beobachten, wie Krähen auf der Landbahn balzen und ein Falke auf dem Grünstreifen rüttelt. Wie soll man den Kleinen erklären, dass das Fliegen eigentlich verboten ist, weil die Vulkanasche die Turbinen beschädigen kann? Für den Flughafen bedeutet die Unterbrechung einen Riesenschaden. „Mitarbeiter bauen ihre Überstunden von Ostern ab”, berichtet Sprecher Marc Schulte. Am Mittag heißt es, dass das Flugverbot über Deutschland und England wegen der Aschewolke nicht aufgehoben werden kann.

Die Germanwings-Maschine hat eine Sondererlaubnis, auf 20 000 Fuß, also rund 6200 Meter auf Sicht zu fliegen.

Auf dieser Flughöhe gibt es Verspätung. Statt um 12.11 Uhr tauchen die Positionslichter gegen 13 Uhr am Himmel über Unna auf. Da werden sechs junge Damen munter, die in einheitlichen Shirts in bunten Lettern „Ascheopfer” aufgedruckt haben und den dankbaren Journalisten ihre kuriose Story erzählen.

Sechs auf Aida, sechs auf Norderney

Sechs von ihnen haben es auf die „Aida” geschafft, den anderen sechs kam der Vulkan dazwischen - und verschlug sie stattdessen nach Norderney. Auf dem Fughafen Wickede gab es jetzt für die heimkeh-renden Kreuzfahrer ein herzi-ges, lustiges, ausgelassenes Wiedersehen.

Andere Heimkehrer aus Mallorca wirken wesentlich genervter. Oliver Demhartner aus Bremen berichtet, dass er mit seiner Familie seit Samstag auf einen Rückflug wartet. Tagelang Ungewissheit. Dienstagmorgen um 3.30 Uhr hat die Reisegesellschaft dann im Hotel angerufen. „Um 5.40 Uhr sollten wir abgeholt werden”, so Demhartner. Dass das Flugziel Dortmund sei, war fast schon Nebensache. „Wenn man als gebürtiger Dortmunder in Dortmund landet, ist das in Ordnung”, nimmt Demhartner die Zwischenetappe nach Bremen mit Humor. Ein junges Paar muss dringend nach Leipzig weiter. Da ist die Erholung schon dahin.

"Die Mutter Gottes hat etwas für uns getan"

Am Airberlin-Schalter haben zuvor höchst unterschiedliche Urlauber nach Split eingecheckt. „Wir sind angerufen worden und haben Glück gehabt”, berichtet Ludger Kemper. Er befindet sich mit einer 25-köpfigen Gruppe aus Coesfeld und Wesel auf „Pilgerreise” ins bosnische Medjugrye. „Die Mutter Gottes hat etwas für uns getan”, glaubt Georg Schmidt.

Eine andere Gruppe aus Paderborn und Bielefeld schiebt Fahrräder zum Schalter. Geplant ist Inselhüpfen in der kroatischen Adria. Zur Not könne man die Räder ja auch für die Heimfahrt nutzen, falls das Flugverbot länger andauere”, flachst Ulrich Hesse.

Als dann endlich die Triebwerke angeworfen werden, blüht der Flughafen-Sprecher auf: „Es riecht nach Kerosin”, so Schulte. „Endlich Bewegung.” Wenn auch nur für zwei Sonderflüge.