Architektur-Führer Dortmund — Dortmunder U

Foto: WAZ
Der U-Turm hat sich herausgeputzt. Ein bisschen zu sehr vielleicht — denn vom industriellen Charme der alten Brauerei ist nach dem Umbau zum Kreativzentrum kaum etwas geblieben. Dennoch: Das U hat den Florian als Wahrzeichen und Symbolgeber abgelöst. Die Dortmunder mögen ihren Turm.
  • Dortmunder U
  • Leonie-Reygers-Terrasse, 44135 Dortmund
  • Eigentümer: Stadt Dortmund
  • Baujahr: 1926-1927, Umbau 2010
  • Architekt: Walter und Emil Moog — Umbau: Gerber Architekten
  • Denkmalschutz
  • Nutzung: Museum, Veranstaltungen, Gastronomie
  • Besonderheit: erstes Kellereihochhaus einer Brauerei in Deutschland — Umbau zum "Zentrum für Kunst und Kreativität" zur Kulturhauptstadt 2010 — Bau- und Unterhaltungskosten schnellten massiv in die Höhe
  • Info: Erst nach dem Umbau wird beim Betreten des U seine wahre Größe bewusst. Die neue "Vertikale", die alle sieben Etagen mit Rolltreppen verbindet, öffnet den Innenraum bis zur Kathedrale. Die riesige Wand wird für Videoinstallationen von Adolf Winkelmann genutzt: Neun "Fenster" zeigen das wahre Leben im Revier und setzten die "Fliegenden Bilder" von draußen fort.
30 Architektur-Tipps aus Dortmund

"Wann begann man in unserer Stadt, das gigantische Zeichen wahrzunehmen? Wann habe ich es zum ersten Mal als etwas Besonderes erkannt? Hans Christ und Iris Dressler zauberten 1998 ihre „Reservate der Sehnsucht“ in die riesigen Geschosse des Turms. Abends im Café 'Matta Clark' wurde zu Avantgarde getanzt. Professor Christoph Mäckler organisierte in der damals noch rauen und ruppigen Kathedrale 1999 sein Symposium 'Werk-Stoff', bei dem es zum Abschluss köstlichen Speck, in Carrara-Marmor gereift, für die Gäste gab.

Das waren Gefühle, als wäre Dortmund der kulturelle Nabel — zwar nicht der Welt, aber doch eines deutlich größeren Umfeldes rund um unsere Stadt. Auch wenn der industrielle Charme von damals hinter viel weißem Putz und weißer Farbe verschwunden ist, so halte ich noch heute zu unserem großen, goldenen U. Diese gigantische Krone, die Ortsunkundige hin und wieder gerne mit einem Hinweisschild für eine ungewöhnlich große Metro-Station halten, ist dem Gebäude , dass Walter und Emil Moog in den 20er Jahren geplant hatten, in den 60er Jahren vom ebenfalls nicht unbekannten Ernst Neufert aufgesetzt worden. Es ist überraschend, welche städtebauliche Wirkung das zur Werbemaßnahme umgewandelte Logo einer Brauerei entwickeln kann.

Forsche Idee von Architekt Gerber: die 'Vertikale'

Den Umbau dieses Industriegebäudes zum 'Zentrum für Kunst und Kreativität', in dem auch das Museum Ostwall aufgegangen ist, hat das Architekturbüro Gerber nahezu pünktlich für das Kulturhauptstadtjahr 2010 realisiert. Allerdings hatten die politischen Wirren über die konkrete Nutzung des Gebäudes dazu geführt, dass der Wettbewerb viel zu spät ausgeschrieben wurde, so dass die Bauzeit für ein Projekt dieser Größenordnung deutlich zu kurz war.

Mit der ausgesprochen forschen Idee, über die gesamte Gebäudehöhe die Geschossdecken zur Ostfassade herauszuschneiden, um damit einen gigantischen Luftraum ('Kunstvertikale') entstehen zu lassen, konnte Gerber den Wettbewerb für sich entscheiden. Der Raumeindruck der Vertikale ist beeindruckend.

"Dunkelkammer" statt hellem Durchblick durchs Foyer

Leider fehlt dem Gebäude auf Grund der Dunkelkammer, die sich unmittelbar hinter dem Eingang öffnet und in der Gerbers eigentliches Foyer vorgesehen war, ein wichtiger Bestandteil des ursprünglichen Entwurfsgedankens. Anstelle des Durchblicks durch Foyer und Museumscafé ins Licht irrt der Besucher nun orientierungslos in der Dunkelheit der Garderobe umher und findet die Aufzüge nicht.

So wunderbar die leuchtenden Bilder Adolf Winkelmanns unterhalb des goldenen U mit ihrer magischen Anziehungskraft wirken, so fehl am Platze sind die Filme in dieser dunklen Halle. Eine dringende Bitte an die Entscheidungsträger im U: Ändert das!"

Richard Schmalöer, Architekt aus Dortmund