Angst vor PCB-Fass ohne Boden

Klaus Brandt
ENVIO - ein Jahr danach. Aufgebrachten Firmenvertreter und Anwohner machten Ihrem Frust Luft
ENVIO - ein Jahr danach. Aufgebrachten Firmenvertreter und Anwohner machten Ihrem Frust Luft
Foto: Ralf Rottmann
Die Stadt knabbert hart an Envio. Erst scheiterte der Griff nach der Genehmigung, an der die PCB-Entsorgung der Skandalfirma hängt. Und bald drohen Sanierungskosten in Millionenhöhe.

Die Stadt tut sich schwer mit dem Envio-Nachlass. Jetzt scheiterte ihr Plan, der Skandalfirma die gesetzliche Grundlage für eine mögliche Fortsetzung der PCB-Entsorgung im Hafen zu entziehen. Und bald kommen noch unabsehbare Sanierungskosten hinzu. Entsprechend schmallippig ist die Wirtschaftsförderung, die im Fall Envio die städtische Feder führt.

Bei der Pleite saß Thomas Ellerkamp, der zweite Mann der Wirtschaftsförderung, in der ersten Reihe. Er vertrat die Stadt bei der Gläubigerversammlung am Mittwoch im Amtsgericht. Dort sollte Envio die sogenannte BImSchG-Genehmigung verlieren. So wollten es Stadt und Land.

BImSchG steht für Bundesimmissionsschutzgesetz. Die Genehmigung erlaubt die Bearbeitung umweltgefährdender Stoffe. Die Skandalfirma hat diese Lizenz noch, könnte also theoretisch irgendwann wieder PCB im Hafen bearbeiten. Genau das wollen Land und Stadt verhindern.

Allein auf weiter Flur

Doch der erste Versuch, Envio die Genehmigung zu nehmen, scheiterte kläglich. Alle anderen Gläubiger wollten das nicht; Insolvenzverwalter Achim Thiele auch nicht. Thiele konnte gar nicht anders, als die Lizenz nicht einzukassieren. Hätte er es getan, er hätte sich haftbar gemacht. Denn ohne BImSchG-Genehmigung würden Regressforderungen gegen Envio formal wackeln. Die aber muss der Insolvenzverwalter wahren. Alle Gläubiger sahen das so, nur die Stadt nicht. Die Bezirksregierung Arnsberg durfte als Genehmigungsbehörde nicht mit abstimmen.

Die Niederlage hat eher statistischen Wert. Niemand würde Envio auch nur einen Müsli-Riegel geben, geschweige denn ein PCB-Blech. Auch deshalb denkt die Firma gar nicht daran, die Entsorgung im Hafen wieder zu starten. Dennoch tut der Stadt die Schlappe weh – offenbar so sehr, dass sie darüber nicht reden mag. Gegenüber der WR blockte Ellerkamp ab. Was die Frage solle, die Gläubigerversammlung sei „nicht öffentlich“ gewesen, Details folglich tabu. Ein anderes Votum erschien ihm präsentabel: „Die Gläubigerversammlung hat auch über die Betriebsstilllegung abgestimmt und war ausdrücklich einverstanden damit.“

Zweistelliger Millionenbereich

Einverstanden sind auch alle mit der Sanierung des verseuchten Geländes. Wann aber was genau passiert und wie viel es am Ende kostet, das weiß niemand. Nach WR-Informationen hat der französische Entsorgungsspezialist Tredi gute Karten für Teil eins: die Ausschöpfung des werthaltigen Materials, das auf dem Envio-Gelände lagert. 1800 Tonnen können halbwegs profitabel versilbert werden. Ein Überschuss von 200 000 Euro soll für den Insolvenzverwalter bleiben. Dieser Part würde etwa ein halbes Jahr dauern. Der Rest kostet dann nur noch: 1100 Tonnen Giftmüll, Reinigung und Abriss von zwei extrem und einer hoch verseuchten Halle, die Sanierung der Freiflächen und des Untergrunds – „das kann in den zweistelligen Millionenbereich gehen“, sagt PCB-Experte Michael Müller, „je nachdem, wie man es angeht.“

Die Bezirksregierung Arnsberg geht es streng an. Für die von ihr beauftragten Schritte gelten höchste Arbeits- und Umweltschutzstandards. Die Bodensanierung aber ist Sache der Stadt. Ihr gehört das Grundstück, das Envio in Erbpacht nutzt. Welche Auflagen die Stadt im Kopf hat, auch dazu schweigt Ellerkamp.

„Faktisch nichts“ mehr da

Es ist letztlich eine politische Frage: Wie viel ist es Dortmund wert? „Wenn man ein bisschen Beton drüber streicht, dann reichen die veranschlagten 5,5 Millionen. Wenn man ganz sicher gehen will und zehn Meter tief auskoffert, um den letzten Tropfen PCB rauszuholen, dann wird es richtig teuer“, sagt Christoph Rittersberger vom Entsorger Tredi.

Eine ganz andere Rechnung macht die insolvente Envio Recycling GmbH auf. Sprecher Christian Stockmann nennt das von den Gläubigern genehmigte Sanierungskonzept „rechtswidrig“. Envio stehe parat, bei der Sanierung mitzumischen. Dann ginge es schneller und käme preiswerter. „Die Differenz liegt im Millionenbereich“, sagt Stockmann. Bei Envio sei ohnehin „faktisch nichts“ zu holen. Doch hier gehe es offenbar um ein Exempel. „Die Firma soll vernichtet werden.“