„2-3 Straßen“ als leiser Ton der Kulturhauptstadt

Isabelle Reiff und Jochen Gerz. Bild: Ralf Rottmann
Isabelle Reiff und Jochen Gerz. Bild: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.. Es gab Feuerwerke wie Schachtzeichen oder das Still-Leben in 2010. Und es gibt Projekte wie „2-3 Straßen“ von Jochen Gerz, das sich der „Kulturhauptstadtversprechungsmaschine“ entzogen und stattdesssen ein Jahr fast leise, aber tief gewirkt hat.

Ein Fazit zu ziehen, das ist für Jochen Gerz, als würde man eine Schwangere im dritten Monat fragen, wie das Kind geworden ist. „2-3 Straßen“ ist noch nicht vorbei und vielleicht wird es das nie sein. Die Idee, Menschen mietfrei in sozial problematischen Vierteln von Duisburg, Dortmund und Mülheim an der Ruhr ziehen und kreativ etwas verändern zu lassen, wird weiter wirken und wachsen. Weil fast 50 Prozent der Mieter weiter wirken wollen, die meisten im Quartier am Borsigplatz, „unserem Vorzeigeprojekt“.

So, wie Isabelle Reiff. Wäre „2-3 Straßen“ eine Fußballmannschaft, sie wäre die Stürmerin: Für das Buch, an dem alle Mitwirkenden statt einer Miete arbeiteten (950 Autoren, 3000 Seiten), ist sie auf die Straße gegangen, in die Nordstadt, und hat Wildfremde gefragt, ob sie ihr einen Satz schenken. Eine ungewöhnliche Bitte. „Aber ich bin fast nie abgewiesen worden. Höchstens haben die Menschen mal gemeint, sie hätten nichts zu sagen. Aber ich habe ihnen zu verstehen gegeben, dass sie wohl etwas zu sagen haben.“

Isabelle Reiff hat anderen eine Stimme gegeben, sie ermutigt, sich zu äußern und so „einen Teil der Gesellschaft gefragt, der sonst nicht gefragt wird“, sagt Gerz. „Die Leute stehen am Bahnsteig und warten auf den Zug. Das ist in der Schicht wie eine neue Gesellschaft ohne Schuhe.“ Er glaubt daran, dass die Öffentlichkeit unterfordert ist, man nur ihr Potenzial schöpfen und es attraktiv machen muss, einen Beitrag zu leisten. Ein anderer Ansatz nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Migrationsdebatte: Nicht verlangen, sondern fragen, was die Menschen zu geben bereit sind.

Kleine Phänomene

„Kreativität bedeutet den Umgang mit kleinen Phänomen“, sagt Gerz. Nach diesem Prinzip hat sich am Borsigplatz viel entwickelt. Gelbe Seiten etwa, in denen Bewohner Dienste anbieten - im Austausch gegen einen anderen. Es gibt ein Gartenprojekt, eine Bibliothek, ein Wohnungstheater, eine Fahrradwerkstatt und sogar Kunst für alle: Jeder Mieter in dem Quartier hat eine kleine Leinwand in seiner Lieblingsfarbe bekommen und an seine Tür gehängt – Kunst schafft Identität.

Isabelle Reiff und weitere Projektteilnehmer wollen all dies zu einem „social enterprise“ bündeln, zu einem sozialen Unternehmen, das sich selbst trägt. Sie und weitere aktive Mieter bekommen 33 Prozent Mieterlass von Evonik, weil auch die Wohnungsgesellschaft erkannt hat, dass Kreativität „ein Standortfaktor ist und eine Verbesserung der Lebensbedingungen“ bedeutet. Ein System, das Gerz gerecht findet: Wer Nachlass will, kann sich einbringen.

Noch etwa drei Monate will Gerz mit seinem Team bis ins Jahr 2011 unterstützen – und sich dann zurückziehen. Für ihn endet damit eine Zeit des täglichen Zitterns. Denn seine Kunst besteht auch im Loslassen: Er hatte die Idee – und musste dann darauf vertrauen, dass die neuen Mieter sich tatsächlich einbringen würden. Kunst auf der Straße.

Und die „Verheimatungsmaschine“ schnurrt.

 

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