Versuchter Totschlag nach dem Nachtgebet

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Vor der Moschee stach Rentner seinen Freund nieder – Opfer hatte zuvor nicht auf Imam gewartet.

Castrop-Rauxel.. Sie kennen sich seit zehn Jahren, sind befreundet, beteten als gläubige Moslems fünf Mal am Tag in der Moschee an der Bodelschwingher Straße. Doch gestern im Dortmunder Schwurgericht würdigten sich die beiden Rentner keines Blickes. Hatte doch der 68-Jährige seinen Freund (75) am 28. November 2011 direkt nach dem Nachtgebet mit einem spitzen Werkzeug niedergestochen.

Seit diesem Tag sitzt der bisher unbescholtene Vater von sieben Kindern wegen versuchten Totschlags in U-Haft. Staatsanwältin Barbara Cuntze wirft ihm vor, vor der Moschee mindestens zehn Mal mit einer sogenannten Ahle auf den 75-Jährigen eingestochen zu haben. Ein Stich verletzte den Darm des Seniors, der damals in akuter Lebensgefahr schwebte. „Ich hätte mir so etwas nie denken können, wir hatten nie Streit“, sagte der Mann. 34 Jahre war er früher bei Opel tätig .

Der Zorn, der beinahe zum Tod des Opfers geführt hätte, muss sich den ganzen Tag bei ihm aufgestaut haben. Zwar stach er am 28. November, wie er selber zugab, erst nach dem Nachtgebet zu, doch schon beim Morgengebet hatte er sich über den anderen Senior geärgert. Was auch daran liegen könnte, dass er seit fünf Jahren in der Moschee „Aufgabe in der Verwaltung übernimmt“, wie er durch den Dolmetscher mitteilen ließ. „Ich bin für die Reparaturen zuständig und kümmere mich um die Einnahmen und Ausgaben.“

Wie dem auch sei: Der andere Senior rief damals in der Moschee zum Morgengebet auf. Und dass, obwohl der Imam noch nicht anwesend war. „Ich sagte ihm noch, er soll doch warten.“ Doch darum soll sich der 75-Jährige nicht geschert haben. Mit dem Satz: „Sag nichts Unehrenhaftes und Unmoralisches“ habe er den Angeklagten einfach stehen lassen und die Moschee sodann verlassen.

Wie der Rentner an der Seite seines Verteidigers beteuerte, habe ihn dieser Satz bis ins Mark getroffen. So sehr, dass er beim Nachtgebet die Anwesenden gefragt haben will: „Habe ich euch in all den Jahren ein Mal schlecht behandelt? Wem gegenüber war ich unehrenhaft?“

Der damals schwer verletzte 75-Jährige will diese Worte nie gesagt haben. Und überhaupt: „Der Imam hat verschlafen. Da durfte ich vorsingen“, sagte er eifrig. Der Prozess geht am Montag, 4. Juni weiter.

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