Stadtgeschichte soll erlebbar werden

Lieselotte Nimser erzählt von ihrem Vater Heinrich Imig, dem ersten MdB aus Castrop-Rauxel.
Lieselotte Nimser erzählt von ihrem Vater Heinrich Imig, dem ersten MdB aus Castrop-Rauxel.
Foto: WAZ FotoPool
Lieselotte Nimsers Vater war der Gewerkschafter und Sozialdemokrat Heinrich Imig. Nach dem Bundestagsabgeordneten wird am Mittwoch eine Straße benannt, samt Infotafel zur Historie.

Castrop-Rauxel..  „Es macht mich sehr stolz, dass in Castrop-Rauxel eine Straße nach meinem Vater benannt ist.“

Für Lieselotte Nimser ist der kommende Mittwoch, 8. Mai, ein ganz besonderer Tag: Dann nämlich erfolgt die offizielle Einweihung der Straße, die an ihren Vater erinnert. Lieselotte Nimser ist die Tochter Heinrich Imigs, Tochter des ersten Castrop-Rauxeler Bundestagsabgeordneten (SPD) und engagierten Gewerkschaftsfunktionärs.

„Geboren wurde mein Vater 1893 in Essen-Steele“, erzählt die 91-Jährige. „Er arbeitete zunächst als Bergmann, war auf Zeche Zollverein im Betriebsrat.“ 1929 wird der Sozialdemokrat Imig Sekretär der Ruhrbezirksleitung des Bergbauindustriearbeiterverbandes Deutschlands, leitet später die Geschäftsstelle Castrop-Rauxel.

Die SA durchsucht Gewerkschaftshaus

Dann aber folgt das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte: 1933 ergreifen die Nationalsozialisten endgültig die Macht. Die Erinnerungen an diese Zeit wühlen Lotte Nimser noch heute auf: „Was damals geschehen ist, werde ich nie vergessen.“ Mit gerade mal zwölf Jahren muss sie miterleben, wie die SA das frühere Gewerkschaftshaus, in dem sie lebten, stürmt. „Sie haben alles durchsucht, sogar die Schultaschen von mir und meiner Schwester.“ Das seien Bilder, die sie nie wieder los werde.

„Mein Vater verlor seine Arbeit, wurde als ‘Staats- und Wirtschaftsfeind’ entlassen.“ Zwischenzeitlich habe er gar untertauchen müssen. „Selbst wir wussten dann nicht, wo er war“, sagt sie. „Es war hochgefährlich. Gewerkschaftsfunktionäre wurden ja verfolgt und auch umgebracht, doch wir hatten Glück.“ Imig ist bestens vernetzt, arbeitet schließlich auch wieder. Er liefert für eine Herner Brotfabrik aus, bis ihn die Nazis – völlig schizophren – einziehen. Er muss nun zum Luftschutzhilfsdienst.

Als der Zweite Weltkrieg endlich beendet ist, setzen die Alliierten Heinrich Imig als Bürgermeister Castrop-Rauxels ein. Kurz darauf wird er Stadtdirektor, hilft intensiv beim Wiederaufbau. 1948 legt er das Amt nieder und zieht in der allerersten Legislaturperiode des Deutschen Bundestages – von 1949 bis 1953 – in das Parlament ein. Danach wird er Vorsitzender der IG Bergbau, später Präsident des Internationalen Bergarbeiterverbandes.

„Mit der Benennung einer Straße nach Heinrich Imig möchten wir diese Persönlichkeit, die Castrop-Rauxel geprägt hat, in die Mitte der Stadtgesellschaft holen“, betont der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe. „Zudem soll es auch Mahnung sein, darauf zu achten, dass die Demokratie pfleglich behandelt wird“, fügt er hinzu.

Um an das Leben und Wirken Heinrich Imigs zu erinnern, so Bürgermeister Johannes Beisenherz, „wollen wir das Straßenschild auch um eine kleine Infotafel mit den Daten des Gewerkschafters ergänzen.“ So werde Stadtgeschichte erlebbar. Für Lotte Nimser ist das ganz wesentlich: Die Erinnerung, gerade an die dunkelsten Kapitel der Geschichte, müsse bleiben.

Hintergrund:

Die Heinrich-Imig-Straße in Ickern, vormals Deininghauser Weg, wird am Mittwoch, 8. Mai, um 13.30 Uhr offiziell eingeweiht. Auch der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, hat sein Kommen an diesem Tag fest zugesagt und wird eine Rede halten.

Einen besonderen Dank sprechen der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe und Bürgermeister Johannes Beisenherz noch vor der Einweihung an diesem Mittwoch an Heinz Tafel aus. Der habe immer wieder darauf gedrängt, dass endlich eine Straße in Castrop-Rauxel nach Heinrich Imig benannt wird.

 
 

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