Oldies auf der Überholspur

Gerhard Römhild
Castrop-Rauxel. Auf historischen Münch-4-Maschinen, den Rennern für Kenner, tourte Albert Stehle mit Frau Astrid und Motorradexperte Martin Knasiak durch die Vereinigten Staaten.

Wenn’s im nördlichen „Industriestraßen“-Gewerbegebiet eine italienische Community geben würde, dann dürften beim Anblick des Münch-4 TTS/E-Beiwagen-Ensembles spitze Schreie a la „Bella Machina“ ertönen. Doch der Castrop-Rauxeler Norden ist geerdet, bodenständig, eher unaufgeregt. Und das heißt, dass der Besucher des Motorradladens MKM, auf dessen Gelände gleich zwei dieser seltenen Münch-Maschinen parken, ein ehrfurchtsvoll zustimmendes „wow, tolles Gerät“ murmelt.

Die Betonung liegt dabei auf ehrfurchtsvoll, denn diese Münch-Maschinen sind unter Motorrad-Oldtimer-Fans das wahre Non-plus-Ultra rollenden Zweiradwesens. Sie sind epochale Bikes, die zu ihrer Zeit vor über 40 Jahren sämtliche Gewichts- und Leistungsgrenzen sprengten und die ersten sogenannten „Big-Bikes“, also Straßenmotorräder mit Vierzylinder-Antrieb.

Das alles kann Albert Stehle nur kopfnickend bestätigen - und er muss es wissen. Der 49-Jährige ist der Präsident des Münch-4-Clubs, einer exklusiven Truppe von Motorradbegeisterten mit 110 Mitgliedern weltweit. Stehle ist ein Hüne von Mann, groß und blond. Er beeindruckt mit seiner Statur genauso wie seine prächtige Münch-4 samt Beiwagen, dessen Form an eine von Jules Verne kreierte Weltraumrakete erinnert. Neben ihm steht Gattin Astrid, bewährte Beifahrerin im Beiwagen. Und auch MKM-Inhaber Martin Knasiak, Experte für Motorräder jeglicher Art, gehört zum Münch-4-Club, hat seine TTS neben Stehles Hammerteil geparkt.

Die edlen Teile stehen nicht so rum, sie sind echte Gebrauchsgegenstände, werden ganz normal auf der Straße gefahren. Was dann aber auch irgendwie wie Museum ist, denn rollt eine solche Münch-4 heran, dann verstummen schon mal die Gespräche, weiten sich die Augen der Betrachter. Deshalb sieht Stehle auch zu, dass er den beliebten Motorradtreffs nicht zu nahe kommt, denn dann geht ganz schnell gar nichts mehr und aus der Tasse Kaffee zum Aufwärmen werden schnell ein paar Kannen. „Tja“, sagt seine Frau Astrid, „mit der Münch ist man nie allein, Leute stehen sofort drum herum und es gibt immer Gesprächsstoff.“

Das ist nicht verwunderlich, denn Friedel Münch, Konstrukteur und Namensgeber des Motorrads, baute nur 479 Stück. Und davon sind heute weltweit noch 250 Stück unterwegs. „Das hier“, sagt Stehle, „ist eine absolute Rarität.“ Wohl wahr, denn Münch verbaute in seinen Motorrädern ganze Vierzylinder-Automotoren, so in der TTS/E mit einer Kugelfischer-Einspritzanlage die 100 PS Maschine aus dem NSU-Prinz. Ein Kracher damals 1973. Stehle: „Keiner traute sich, Vollgas zu geben.“ So ein Gewalt-Geschoss, dem der Ex-Horex-Konstrukteur Münch bis zu einem Namensrechtestreit den Zusatz „Mammut“ verpasste, kostete etwa das dreifache einer BMW, also rund 15000 Mark.

Heute sind die Kurse weltweit in den Himmel geschossen. Allein das Gespann, das Stehle seit 1999 fährt und mit dem er überall in Europa und auch im weiteren Ausland unterwegs war und rund 60 000 Kilometer zurück legte, liegt bei rund 80 000 Euro. Dafür reitet der Motorrad-Freak aber ein recht robustes Teil, dessen Motor, so Stehle, „in eins durch läuft“.

In eins durch läuft für den ehemaligen Sicherheitsingenieur im Bergbau auch die Motorradsaison. „Die hört für mich nie auf.“ Zehn Motorräder hat der eingefleischte „Schrauber“ unter seinen Fittichen: Darunter BMW, NSU-Max und noch zwei weitere Münch. Dank eines roten Sammlerkennzeichens wird kurzerhand gewechselt - und ab geht’s auf die Straße.

Besser: auf die Straßen dieser Welt. Denn das nächste ganz große Ziel hat Stehle schon auf dem Schirm. 2013 soll es nach Japan gehen. „Da wollen wir allen diesen Honda- und Kawasaki-Leuten einmal zeigen, was ein richtiges Motorrad ist“, lacht der Hüne - und meint es todernst.

„Wenn ich Glück habe, wird’s dieses Jahr noch etwas mit Australien“, sagt Münch-4-Freak Albert Stehle, der diesbezüglich nur noch etwas mit dem Schiffs-Container klären muss. Na klar, den Mann juckt’s fernwehmäßig im Motorradhandschuh. Erst vor ein paar Monaten war der 49-Jährige mit vier Stuttgartern, zwei Berlinern, zwei Castrop-Rauxelern und einer Hernerin auf Groß-Tour durch die USA. „Das war kein Picknick, das war die Strecke der Einwanderer: von New York bis Los Angeles, 8933 Kilometer in 30 Tagen, ein Traum.“

Nicht nur die Münch-4-Truppe verstand sich bestens, auch die Motorräder waren richtig gut drauf. Bis auf eine defekte Benzinpumpe und einen Platten gab es keine besonderen Vorkommnisse. Ja, und die Sache mit der Lichtmaschine war einbaumäßig letztendlich dem zu häufigen Griff zur Budweiser-Flasche geschuldet. Und in der Folge noch nicht einmal ein großer Zeitfresser. In Zeiten von Handy und Internet war blitzschnell der 22-jährige Sohnemann in Castrop alarmiert, längst auf dem Weg, ein ebenso begnadeter Schrauber wie sein Vater zu werden. „Er baute die Lichtmaschine an einer meiner Münch aus und UPS schickte das Ding rüber. Also blieben wir halt eine Nacht länger in Las Vegas.“

Apropos Los Americanos: Die zeigten sich schwer beeindruckt von den gewaltigen Maschinen. „Sie haben uns mit mächtig Respekt behandelt, hatten absolutes Interesse, waren hilfsbereit und wirklich nett.“ Dass der Transport in die USA so reibungslos klappte, war übrigens das Verdienst des einzigen Münch-4-Club-Mitglieds in den USA. „Der Mann hat das perfekt für uns organisiert. So hätten wir das alleine nicht hinbekommen.“ Den amerikanischen Traum des Highway-Riders haben die „Münchs“ jedenfalls bestens genossen. Oldtimer-Experte Martin Knasiak: „Es war die beste Reise, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich würde es jederzeit wieder machen.“

Selbstverständlich war Albert Stehle als Münch-4-Club-Präsident mit dabei, als der legendäre Konstrukteur Friedel Münch am 6. Februar 2011 seinen 84. Geburtstag im Kreise von Familie und Freunden feierte. Der ehemalige Horex-Rennfahrer vereinte 1965 einen Automotor mit einem Motorradrahmen, schuf so die Münch Mammut. „In sensationellen 4,5 Sekunden beschleunigte sie von 0 auf 100 km/h und nach 20 Sekunden standen 180 km/h auf dem Tacho. Begleitet wurde dieses Inferno von einem aggressiven Ansauggeräusch aus den offenen Vergasern und einem tiefen Gebelle, das aus den beiden Frankfurter-Töpfen kam. Kaum spürbar waren die Motorvibrationen. Das Triebwerk lief seidenweich.“ Dies schreibt Winnie Scheibe in seiner Friedel-Münch-Story über die Vorstellung der Münch-4 im Jahr 1966. Übrigens: Erst kürzlich wurde das geniale Motorrad „Hauptdarsteller“ eines Kinofilms. „Mammuth“ - eben nach Münchs Motorrad - heißt der Film (2010) mit dem französischen Schauspieler Gerard Depardieu. In der poetischen Sozialgroteske tritt dieser nach seiner Pensionierung auf einer Münch Mammut eine Reise in die Vergangenheit an.