Neue griechische Welle

Bei Thomas Peitos (r.) haben Georgios Michalopoulos (22, ehem. Marktverkäufer) und Panagiotis Marzaklis (26, ehem. Verkäufer  für Textilien) einen Job gefunden. Sie kamen im Oktober nur mit einem Rucksack nach Deutschland. Foto: Thomas Gödde
Bei Thomas Peitos (r.) haben Georgios Michalopoulos (22, ehem. Marktverkäufer) und Panagiotis Marzaklis (26, ehem. Verkäufer für Textilien) einen Job gefunden. Sie kamen im Oktober nur mit einem Rucksack nach Deutschland. Foto: Thomas Gödde
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Die Staatskrise in Griechenland führt offenbar zu einem Aderlass junger Menschen aus Griechenland. In Castrop-Rauxel sind mehrere Menschen aus Athen gekommen, um Arbeit zu finden. Auch Akademiker sehen in ihrem Heimatland keine Zukunftsaussichten mehr.

Castrop-Rauxel. Die Bildung einer Regierung in Griechenland gerät zu einem Drama, das mögliche Ausscheiden aus der europäischen Gemeinschaftswährung Euro, die hohen Schulden verunsichern die griechische Bevölkerung - gerade junge Griechen zweifeln an einer vielversprechenden Zukunft in ihrem Heimatland. Viele von ihnen kehren der Akropolis den Rücken und wandern aus. Ausläufer dieser jungen Einwanderungswelle erreichen auch Castrop-Rauxel.

Verkäufer finden in Athen keine Anstellung mehr

Zuletzt hat Ioannis Papadopoulos vom griechischen Kulturverein rund 14 junge Leute aus Griechenland begrüßt. Sie suchen Arbeit. Da ist das ausgedehnte Netzwerk des Vorsitzenden von großem Nutzen. Zwei junge Leute haben nach einer wahren Odyssee in Castrop-Rauxel ein neues Zuhause und eine Anstellung gefunden.

Nur mit wenigen Habseligkeiten hatten sich Georgios Michalopoulos und Panagiotis Marzaklis aus Athen auf den Weg nach Deutschland gemacht. In ihren Berufen als Textil- und Marktverkäufer gab es keine Aussicht mehr auf eine neue Anstellung. Ihr Ziel: Hauptsache, Arbeit finden. Über die Stationen Berlin und Düsseldorf gelangten die beiden jungen Männer schließlich in die Europastadt - aus purem Zufall. Thomas Peitos erreichte eines Tages ein Anruf der Arbeitssuchenden. Nach dem Zufallsprinzip hatten sie im Internet nach griechischen Betrieben gesucht. Peitos war überrascht. Die jungen Männer kannte er nicht. Aber er machte sich Sorgen um sie. „Ich hatte Mitleid mit den Beiden“, so der Grill-Restaurant-Besitzer und lud sie ein. Michalopoulos und Marzaklis waren nämlich obdachlos. Mit den letzten Euros in der Tasche kauften sich die Arbeitssuchenden schließlich eine Zugfahrkarte nach Castrop-Rauxel, bekamen hier ein Dach über den Kopf. Mittlerweile arbeiten sie im Rhodos Grill in der Küche. „Das haben die Politiker in Griechenland toll hinbekommen“, meint Thomas Peitos in einem sarkastischem Tonfall. Dass junge Menschen in Griechenland derartig verzweifelt sind, macht den ansonsten stets gut aufgelegten Grill-Betreiber wütend.

Informatiker und Computertechniker hierzulande sehr begehrt

Doch in Castrop-Rauxel sind nicht nur Jobs in der Gastronomie gefragt. Auch Chrys Vasilios hält eine berufliche Laufbahn in Deutschland für aussichtsreicher als in seiner Heimat. Der junge Grieche gehört zu den Hochqualifizierten, die jetzt anderswo Karriere machen werden.

Chrys ist erst seit gut zwei Monaten in Castrop-Rauxel, besucht einen Sprachkursus im Kulturzentrum Agora. „Früher habe ich schon einmal Deutsch gelernt“, sagt der 27-Jährige in passablem Deutsch. Das meiste habe er jedoch wieder vergessen. Nun heißt es für den jungen Mann, drei Mal in der Woche die Sprache seines Wahllandes zu lernen. Vier Stunden dauert der Unterricht täglich. Obwohl der junge Mann erst kurze Zeit hier ist und noch nicht fließend Deutsch spricht, besitzt er glänzende Berufsaussichten. Seine Qualifizierungen machen aus dem jungen Einwanderer eine hierzulande dringend benötigte und begehrte Arbeitskraft. Chrys hat in Griechenland Informatik und Computertechnik studiert. Eine Anstellung als Systemadministrator und -techniker in einem angesehenen Forschungsinstitut hat er daher bereits in der Tasche. Im Juli geht es los. Bis dahin will der jungen Mann Deutsch noch besser beherrschen.

Gut ausgebildete Griechen verlassen ihre Heimat

Trotz des guten Starts im neuen Land klingt während des Gesprächs Wehmut mit. „Ich liebe mein Land“, bekennt Chrys. Auch wenn viele Verwandte in Castrop-Rauxel leben, vermisst er sein gewohntes Umfeld. Mit seinen Freunden hält er über Skype und Facebook Kontakt. Unter Gleichaltrigen hat Chrys hierzulande noch keinen Anschluss gefunden.

In Griechenland hätte Chrys Vasilios aufgrund seiner Qualifikation mit Leichtigkeit einen Arbeitsplatz erhalten. Doch das Misstrauen gegenüber dem griechischen Staat und der Politik überwiegt. „Von unseren Politikern bin ich maßlos enttäuscht“, meint der junge Einwanderer. Auch für die Zukunft malt er schwarz. Sicherheit und Stabilität im Staat – das scheint für ihn weit weg. Mit dieser Sichtweise ist er nicht allein. „Um beruflich etwas zu erreichen, musst du nach Amerika, Australien oder Deutschland auswandern, heißt es in Griechenland“, berichtet der Neu-Castrop-Rauxeler. Noch seien die meisten in seinem Alter nicht bereit, das Land zu verlassen. Doch, so seine Beobachtung, die jungen Hochqualifizierten suchten ihr Glück fernab der Akropolis. Ein Aderlass mit Folgen. Chrys rechnet in naher Zukunft nicht mit einer Rückkehr in seine Heimat. „Ich will hier bleiben“, sagt er fest entschlossen.

 
 

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