„Man muss die Möglichkeiten aufzeigen“

Sabine Latterner
„Wir wollen enger zusammenarbeiten“, so Corbaci nach der THW-Diskussion im Integrationsrat.
„Wir wollen enger zusammenarbeiten“, so Corbaci nach der THW-Diskussion im Integrationsrat.
Foto: Haenisch / waz fotopool
Der Integrationsratsvorsitzende Kubilay Corbaci spricht im Interview über gesellschaftlicheTeilhabe und Mitgestaltung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Castrop-Rauxel.  Integriert? Unterrepräsentiert? Wo stehen wir in Sachen Teilhabe, Mitgestaltung von Menschen mit Migrationshintergrund? Kubilay Corbaci, Vorsitzender des Integrationsrates, beleuchtete die Fragen im Gespräch mit Sabine Latterner.

Laut OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, gibt es hierzulande zu wenig Migranten im öffentlichen Dienst. Deutschland ist Schlusslicht, hat großen Nachholbedarf.

Corbaci: Das ist definitiv so. Man muss hier aber unterscheiden: Die Polizei versucht ja schon seit Jahren ganz intensiv, Jugendliche mit Migrationshintergrund zu gewinnen. In dem Bereich haben wir gesehen, dass es nützlich sein kann. Und das muss man jetzt auf die unterschiedliche Bereichen übertragen, auch auf die Verwaltung. Aber es gibt da ja durchaus Bemühungen: So hat die Stadt kürzlich einen Berufscheck für junge Migranten angeboten. Aber es müssen natürlich beide Seiten beleuchtet werden: Einmal gibt es gewisse Kriterien, gewisse Spielregeln, die für jeden gelten. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass man die Migranten anwirbt, ihnen die Möglichkeiten aufzeigt und sie begleitet. Vielleicht brauchen sie einfach mehr Unterstützung

Im Integrationsrat haben Sie vor nicht allzu langer Zeit die Frage nach der Anzahl der Migranten im Technischen Hilfswerk und in der Freiwilligen Feuerwehr gestellt. Was hat sich seitdem getan?

Wir haben Kontakt zum THW. Und nach dem Gespräch mit der Freiwilligen Feuerwehr im Integrationsrat haben wir einige Vereinbarungen getroffen, dass man in Zukunft aufeinander zu gehen möchte. Ein guter Schritt, der auch schon Früchte trägt: So fand vor Kurzem das Straßenfest der Ayasofya-Gemeinde in Ickern statt – und da war das THW vor Ort. Es war auch ein Vertreter des THW bei der Kermes der Schweriner Mevlana-Gemeinde anwesend.

Gibt es konkrete gemeinsame Projekte, Vorhaben?

Wir haben beispielsweise mit der Feuerwehr vereinbart, dass wir eventuell eine Feuerwehrübung an unserer Gemeinde auf Schwerin durchführen möchten.

So dass gerade junge Migranten Einblicke in die Arbeit der Hilfsorganisationen erhalten?

Ja, denn ich glaube, dass bei einigen das Bewusstsein noch nicht da ist. Sie wissen nicht, dass es so etwas gibt. Deshalb sind gemeinsame Infoveranstaltungen ja so wichtig. Wir müssen aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, die Freizeit zu gestalten, und dass es wichtig ist, sich einzubringen.

Wenn es um die Frage geht, wie sich Migranten einbringen könne, ist Aufklärung also ganz wesentlich.

Ja, in meinen Gesprächen mit Eltern weise ich immer wieder darauf hin, dass sie die Kinder beispielsweise zum THW, zur Freiwilligen Feuerwehr oder zum DRK schicken sollen, dass es dort keinen gibt, der sie zurückweisen wird. Viele meinen nämlich genau das. Das ist so in den Köpfen drin. Deshalb muss man zeigen, dass es nicht so ist – und da müssen beide Seiten auf einander zugehen. Aber wenn jeder auf seinem Standpunkt beharrt, wird man kein Stück weiterkommen – wenn die einen sagen, ihre Tür sei sowieso für jeden offen, und die anderen sagen, sie werden ja eh nicht aufgenommen.

Aber macht man es sich als Migrant nicht zu einfach, wenn man Aufklärung von anderen einfordert, muss man sich nicht auch selbst informieren?

Sicher, da macht man es sich von Migrantenseite her zu einfach. Auch da findet aber ein Prozess statt. Aber um diesen zu beschleunigen, versuchen wir, gemeinsam Plattformen zu schaffen, um das Interesse zu wecken und die Möglichkeiten aufzuzeigen.

In welchen Bereichen müsste Ihrer Meinung ebenfalls noch mehr passieren?

Da fallen mir auch die Medien ein. Es geht nicht darum, dass in den Redaktionen auch Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sitzen. Es sollte aber schon so sein, dass die Medien Fingerspitzengefühl beweisen, wenn sie über andere Kulturen berichten. Das heißt nicht, dass man nicht auch Kritik übt. Aber wenn man immer wieder auf Klischees zurückgreift, dann frage ich mich, worum es eigentlich geht.

Kubilay Corbaci ist 2008 in die FDP eingetreten und hat die Partei Ende 2010 wieder verlassen. „Aber keineswegs im Streit“, betont er. Vor wenigen Wochen ist der 37-Jährige nun in die SPD eingetreten.


„Wenn wir als Migranten den Anspruch haben, Teil dieser Gesellschaft zu sein, müssen wir uns beteiligen und Verantwortung übernehmen“, fährt er fort. „Wenn wir sagen, wir wollen mitgestalten, dann geht das in einer Demokratie über demokratische Parteien.“ Politische Partizipation sei ganz wesentlich. Wovon er allerdings gar kein Freund sei: „Wenn Migranten ihre eigenen Parteien gründen und sich gegen die vorhandenen demokratischen Parteien aufstellen.“ Corbaci weiter: „Zugleich ist es natürlich erforderlich, dass man in den bestehenden Parteien eine Art Willkommenskultur gegenüber den Migranten entwickelt.“ Dabei gehe es, und das betont er, „um inhaltliche Arbeit, nicht um eine Quote.“