Männer ohne Nerven . . .

Abwärts: Thomas Müller „rettet“ seinen Kollegen Marcus Büning vom Stahlgestänge des Alten Hebewerks und bringt ihn sicher auf den Boden.
Abwärts: Thomas Müller „rettet“ seinen Kollegen Marcus Büning vom Stahlgestänge des Alten Hebewerks und bringt ihn sicher auf den Boden.
Foto: WAZ FotoPool
Wenn sich die „Hochbegabten“ von der Höhenrettung des Kreises Recklinghausen wie dieser Tage im Hebewerk Henrichenburg aus über 20 Metern vom alten Stahlgerüst abseilen lassen, dann tun sie das wahrlich nicht nur zum Spaß.

Wilhelm II. würde sich wahrscheinlich noch heute im Grab umdrehen und verdutzt seinen Bart zwirbeln. Der letzte Deutsche Kaiser, der am 11. August 1899 den Dortmund-Ems-Kanal und im gleichen Abwasch auch noch das für die Wasserstraßen und das Ruhrgebiet so enorm wichtige Schiffshebewerk Henrichenburg in Betrieb nahm.

Ob Wilhelm II. wohl damals schon ahnte, was ziemlich genau 114 Jahre später einmal vor Ort passieren würde? Dass sich eines schönen, aber doch auch nasskalten Tages im Herbst 2013 plötzlich eine Gruppe wagemutiger Höhenretter der Feuerwehr in für Außenstehende gar halsbrecherischer Manier vom Turmaufgang durchs stählerne Gerüst des damals nagelneuen, heute aber alten und längst stillgelegten Hebewerks hangeln und bis hinunter zum Unterwasser abseilen würden? Unwahrscheinlich.

Auch Dr. Arnulf Siebeneicker, seit zwei Jahren Leiter dieses einen von insgesamt acht LWL-Industriemuseen, machte einen fast faszinierten Eindruck. 2012 erst hatte eine Spezialeinheit der Polizei das Hebewerk für eine Geiselbefreiungsübung genutzt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Das war noch mal eine ganz andere Nummer.“

2012: SEK-Übung

Anders als die SEK-Männer, die in der Regel schnell und kompromisslos handeln müssen, lassen es die Höhenretter des Kreises Recklinghausen, 22 Feuerwehrmänner aus Marl, Recklinghausen und Herten, indes bewusst ruhig angehen. Zeit spielt keine Hauptrolle, jeder Schritt will wohlüberlegt sein, denn Routine ist der größte Feind, wenn’s darum geht, Leben zu retten. Fehler werden kaum verziehen. Gerade an einem kalten Herbstmorgen, an dem die mächtigen Stahlstreben über dem Trog des Alten Hebewerks noch glitschiger sind als ohnehin.

Wie in der Fußball-Bundesliga: Übung macht den Meister. Damit die Höhenretter im Ernstfall im Bild sind, damit jeder Handgriff und jeder Schritt sitzt und man auch in Ausnahmesituationen erfolgreich zu improvisieren weiß, ist Training wichtig, sogar lebenswichtig.

SRHT, die spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen durch Feuerwehren also, ist das, was auch an diesem Morgen ansteht. Steckt etwa ein Fensterputzer im Korb fest, hat ein Kranführer gesundheitliche Probleme oder eine Mutprobe dafür gesorgt, dass jemand hochklettert, wo er sich aber nicht mehr runter traut – dann kommen die Profis, die Spezialisten der Spezialisten.

„Wenn es geht, benutzt die Feuerwehr natürlich die Drehleiter“, so Michael Dolega und Thomas Müller (Marl), der Recklinghäuser Jörg Raglewski und die Hertener Alexander Ponzini und Michael Windhausen, allesamt im Besitz der Lizenz zur Höhenretter-Ausbildung. Doch so eine Drehleiter ist endlich und kann zudem auch nicht überall vor- oder ausgefahren werden.

Das Training am Hebewerk Henrichenburg hat einen ernsten Hintergrund, erst 2012 erlitt ein Besucher hoch droben auf dem Aussichtpunkt einen Anfall und konnte den Rückweg über die 131 Stufen durch den engen Abstiegsturm nicht mehr bewältigen. Siebeneicker: „Jährlich besuchen uns 80 000 Menschen, passieren kann da immer was.“

Abseilen und sichern von Patient und Retter oder eines Patienten in einer Korbtrage – diesmal läuft alles glatt, wobei glatt auf über 100 Jahren alten Stahlstreben auch nicht immer wirklich ein Spaß ist . . .

Lange gab’s keine Möglichkeit auf eine Höhenrettergruppe im Kreis. Bei den Berufsfeuerwehren mehrerer Städte gab’s zwar Interessenten, die sich auch aus- und fortbilden ließen, letztlich jedoch waren’s nie genug. „Fünf, sechs Mann braucht man nämlich schon“, so Thomas Müller und Michael Dolega, zwei Berufsfeuerwehrmänner aus Marl. Zwar gehört auch Tiefenrettung, etwa aus Schächten oder Höhlen, zum Anforderungsprofil, meistenteils jedoch sind die Höhenretter in luftiger Höhe im Einsatz. So wie vor einigen Monaten, als sie auf der Zeche Auguste Victoria in Marl einen Elektro-Monteur von einem Dach bargen – tot.

Schwindelfrei zu sein, ist durchaus von Vorteil, unterm Strich aber haben diese „hochbegabten“ ganzen Kerle gleichwohl nichts von einem Abenteurer. „Bei uns“, betonen sie durch die Bank, „hat natürlich die Eigensicherung Vorrang“. Hasardeure und Alleingänger will niemand sehen, nur sicher ist sicher. Wie bei den Musketieren: Einer für alle, alle für einen. Beim Anlegen und der regelmäßigen Kontrolle der Ausrüstung gilt stets das Vier-Augen-Prinzip. Dass man sich aufeinander verlassen kann, ist lebenswichtig. Für die „Kundschaft“, aber auch für die Höhenretter selbst.

Zechenschächte, Industriebrachen, Krankenhäuser. Geprobt wird fast überall und bei fast jedem Wetter. Nur bei Gewitter würde abgebrochen – in einem Stahlkäfig wie dem Hebewerk schon ratsam.

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