Ein wichtiges Zeichen der Erinnerungskultur

Foto: Karl Gatzmanga / WAZ FotoPool

Castrop-Rauxel..  Gedenkfeier und Festakt ja, Steine-Verlegung nein. Die eisigen Temperaturen sorgten dafür, dass die Verlegung der 20 Stolpersteine gestern nicht vollzogen wurde. Bis zu 20 Zentimeter tief reicht zur Zeit der Frost, was ein Einmauern der Steine ins Trottoir schlichtweg unmöglich macht. Der EUV wird so bald es witterungstechnisch passt, diese Arbeiten angehen. Für Künstler Gunter Demnig ist das kein Problem: „Wenn ich weiß, die Jungs können das, dann geht es.“ Nur die Erstverlegung sei ein Muss, die nur vom Künstler persönlich erledigt werden kann.

Zwei Jahre ist es her, dass nach einigen Diskussionen erstmals Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt wurden, die an Mitbürger der Stadt erinnern sollen, die hier gelebt und gearbeitet haben, bevor sie von den Schergen der Hitler-Diktatur vernichtet wurden. Möglich gemacht hat die Verlegung das Aktionsbündnis Stolpersteine, deren Sprecherin Yvonne Wittenbreder-Molloisch gestern vor dem Verlegeort Am Markt 5 den Spendern und Aktiven Dank sagte. „Das Schicksal dieser Menschen soll nie in Vergessenheit geraten.“

„Erinnern immer - vergessen nie“ stand auch auf den Buchstabenkarten, die Schüler der Janusz-Korczak-Gesamtschule während der Gedenkfeier hochhielten. Sie und Klassen der Johannes Rau Realschule sowie des Berufskollegs hatten sich mit der Nazizeit beschäftigt, recherchiert und Konzentrationslager besucht, einen tiefen Einblick ins grausame historische Geschehen erhalten. Vom „Setzen eines wichtigen Zeichens“ sprach denn auch Bürgermeister Johannes Beisenherz. Eindringlich wies er darauf hin, die Erinnerung an das Grauen wachzuhalten, damit es nicht wieder geschehen könne. „Wehret den Anfängen muss das Credo der deutschen Politik sein.“ Und mit einem Blick auf die Stolpersteine, die in einer Kiste neben brennenden Kerzen und weißen Rosen liegen: „Uns bleibt nur zu sagen: Wir haben euch nicht vergessen.“

Ans Lernen aus der Geschichte, um Fehler nicht zu wiederholen, appellierte Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde. „Ich bin froh, dass die Stadt, in der ich mit meiner Familie seit zehn Jahren lebe, Mut und guten Willen zeigt.“ Ein Mut, den Isaac Tourgman ebenfalls lobte. „Ich hätte es gerne gehabt, wenn alle Städte mitmachen.“ Der Vorbeter der Jüdischen Gemeinde sprach das „Kaddisch“, das Totengebet für alle ermordeten Juden - „die gesamte Stadt betet für ihre Seelen“ - und ließ trotz der Ernsthaftigkeit der Situation jüdischen Witz nicht missen, als ihn ein kleines Schneebrett traf, dass sich vom Vordach löste: „Alles Gute kommt von oben.“

20 Stolpersteine werden verlegt

20 Stolpersteine verlegt das Aktionsbündnis Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Mitbewohner. Sie erinnern an Günther Blumenthal (Jahrgang 1925, ermordet 1942 in Auschwitz), Helmut Blumenthal (Jahrgang 1929, ermordet 1943 in Sobibor), Kurt Blumenthal (Jahrgang 1927, ermordet 1943 in Sobibor), Siegfried Blumenthal (Jahrgang 1885, ermordet 1943 in Sobibor), Sofie Blumenthal (Jahrgang 1888, ermordet 1943 in Sobibor), Sophie Blumenthal (Jahrgang 1893, Selbstmord in Essen 1940), Walter Blumenthal (Jahrgang 1923, ermordet 1942 in Auschwitz) - für diese jüdischen Mitbürger werden die Steine am Biesenkamp 6 verlegt.

Folgende Mitglieder der Familie Blumenthal wohnten an der Holzstraße 18, wo ebenfalls Stolpersteine verlegt werden: Emma Blumenthal (Jahrgang 1896, ermordet 1942 in Zamosc), Hugo Blumenthal (Jahrgang 1898, ermordet 1942 in Riga), Johanna Frieda Blumenthal (Jahrgang 1899, ermordet 1942 in Riga) und Max Blumenthal (Jahrgang 1889, ermordet 1942 in Zamosc).

Am Markt 24/26 werden Steine für Adolf Cohen (Jahrgang 1871, verstorben 1934), Erich Cohen (Jahrgang 1916, Flucht nach Buenos Aires, überlebt), Richard Cohen (Jahrgang 1917, Flucht in die USA, überlebt) und Werner Cohen (Jahrgang 1911, Flucht nach Südafrika, überlebt) verlegt.

Am Markt 5 werden Steine für Edith Weinberg (Jahrgang 1897, Flucht nach Shanghai, überlebt), Erich Weinberg (Jahrgang 1921, Flucht nach Palästina, überlebt), Fritz Weinberg (Jahrgang 1929, Flucht nach Shanghai, überlebt) und Dr. Moritz Weinberg (Jahrgang 1888, Flucht nach Shanghai, überlebt).

Ein weiterer Stein wird an der Wittener Straße 16 für Amalia Weinberg (Jahrgang 1876, verstorben 1933) verlegt.

 
 

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