Ein Ort der Auseinandersetzung

Akin Sipal ist der Gewinner des Wettbewerbs In Zukunft des Westfaelischen Landestheaters. Foto: Thomas Goedde / WAZ FotoPool
Akin Sipal ist der Gewinner des Wettbewerbs In Zukunft des Westfaelischen Landestheaters. Foto: Thomas Goedde / WAZ FotoPool
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Castrop-Rauxel..  Es ist die Geschichte von Erol Soner, einem türkischstämmigen Geschäftsmann, der zwischen Frankfurt und Istanbul pendelt, stets und überall begleitet von einem anhaltenden Rauschen in seinem Kopf.

Ein Rauschen, das ihn nicht schlafen lässt, ihn aber immer pünktlich weckt und antreibt. Doch plötzlich, plötzlich ändert sich sein Leben. Und das Rauschen verlässt ihn. Es ist ein viel versprechendes Theaterstück. Es gehe um Identität, um Verhaltensmuster, tradiert von Generation zu Generation, so beschreibt es Akin E. Şipal, Autor des Werkes „Vor Wien“, das vom Protagonisten zwischen zwei Kulturen, vom Rauschen der Flugzeugturbinen, das Metapher sein mag – für Orientierungslosigkeit, Heimatlosigkeit.

In Zukunft, da sollen eben jene Lebenswirklichkeiten der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bedeutend öfter Thema auf den Theaterbühnen sein – weder klischeebehaftet noch problembelastet. Das ist die Intention des gleichnamigen Wettbewerbs, an dem Şipal und acht weitere Autoren mit Migrationshintergrund teilgenommen haben. In einer mehrmonatigen Workshop-Phase trafen sie sich regelmäßig am Westfälischen Landestheater (WLT), entwickelten und diskutierten ihre Bühnenstücke. Diesem überaus intensiven und kreativen Prozess folgte nun die Entscheidung der hochkarätig besetzten Jury. Ihre Entscheidung: Der Gewinner des Autorenwettbewerbs heißt Akin E. Şipal, in Essen geboren, in Gelsenkirchen und Istanbul aufgewachsen, Filmstudent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und mit 20 Jahren der jüngste „In Zukunft“-Teilnehmer.

„Vier Stücke kamen für uns in die engere Wahl“, so Ralf Ebeling, Künstlerischer Direktor des WLT und Jurymitglied. „Letztlich kreisten die Diskussionen dann noch um zwei Werke.“ Während das eine durch seine stilistische Kompaktheit und emotionale Dichte hervorstach, so überzeugte das andere Stück – „Vor Wien“ von Şipal – durch Abwechslungsreichtum, durch eine „gewagte“ Dramaturgie und Formvielfalt. Ebeling: „Es beinhaltet ein Wechselspiel zwischen versnotierten Monologen und ganz klar klassischen Dialogszenen.“

Die Jury habe sich somit für die Herausforderung entschieden und nicht für das handwerklich gut gemachte Stück, lächelt Ralf Ebeling. „Wir sehen ein großes Potenzial, das uns neugierig macht“, so der Künstlerische Direktor über den jungen Autor, bei dem die Freude natürlich groß ist.

Doch nicht nur bei ihm. „Es haben sich alle Teilnehmer mit ihm und für ihn gefreut“, betont Projektleiter und WLT-Dramaturg Christian Scholze. Und auch er ist begeistert von dem auserwählten Stück, aber ebenso von den anderen acht Werken. So kann Scholze sich nach wie vor nicht so recht mit dem Titel ‘Gewinner’ anfreunden, zumal die Workshop-Phase nie geprägt war von einem Konkurrenzgedanken, sondern viel mehr von einer Dynamik des Miteinanders.

„Mir ist es deshalb sehr wichtig, dass alle neun Stücke Veröffentlichung erfahren“, sagt Scholze und weist sogleich auf die Extraschicht am kommenden Samstag, 30. Juni, hin. Dann nämlich wird das WLT die Werke ab 18 Uhr in Form von szenischen Lesungen im Dortmunder U präsentieren. Darüber hinaus wird das Landestheater das Gewinnerstück „Vor Wien“ natürlich produzieren und am 6. Oktober uraufführen.

„Diese Geschichten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte werden auf der Bühne viel zu selten erzählt“, unterstreicht Scholze die Bedeutung des Wettbewerbs. „Dabei“, fährt er fort, „ist Theater immer Ort der Reflexion, der Auseinandersetzung, des Austausches.“ Ein Ort, „an dem alle Bevölkerungsschichten repräsentiert sein müssen – das sind sie derzeit aber nicht.“ Doch vielleicht in Zukunft – dank der kreativen Wegbereiter.

 
 

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