Die Treue zum Kaiser als Leitbegriff

Informativer Abend mit dem Stadthistoriker Dietmar Scholz (l).
Informativer Abend mit dem Stadthistoriker Dietmar Scholz (l).
Foto: WAZ FotoPool

Castrop-Rauxel.. Die Schwarzweiß-Aufnahmen aus dem Jahre 1912 zeigt die feierliche Einweihung des Reiterdenkmals auf dem Altstadt-Markt. Salutierende Polizisten, junge Frauen und Zylinder schwenkende, festlich gekleidete Männer sind zu sehen.

Der Betrachter bewerte dieses Geschehen zunächst als unpolitisch, so der Lokalhistoriker Dietmar Scholz. „Es wirkt so, als würden die Menschen einen feierlichen Gruß an den Jockey ganz oben auf dem Denkmal schicken“, erläutert er und fährt fort: „Tatsächlich aber gilt der Jubel Kaiser Wilhelm II.“

Eben derartige Huldigungen der Obrigkeit bei öffentlichen Veranstaltungen seien in jener Epoche – der Wilhelminischen Zeit zwischen 1890 und 1918 – die Regel gewesen. Auf Kundgebungen habe das Volk seinem Kaiser die Treue geschworen, auch in Castrop-Rauxel. Als Beleg zitiert Dietmar Scholz an diesem Dienstagabend Reden städtischer Honoratioren, beschränkt sich dabei allerdings nicht nur auf die Wilhelminische Zeit, will er doch anhand jener öffentlicher, historischer Ansprachen politische und geschichtliche Entwicklungen sowie den Wandel von Orientierungs- und Deutungsmustern aufzeigen. „Vom gehorsamen Untertan zum selbstbewussten Bürger - ‘Castroper Reden’ aus 35 Jahren (1912 – 1946)“, lautet der Titel seines VHS-Vortrages, den er nun im Bürgerhaus vor knapp 30 Zuhörern hielt.

Gerade in der Wilhelminischen Zeit sei die Treue zum Kaiser der Leitbegriff gewesen. „Bei vielen Gelegenheiten wie Feiern, Paraden und Gedenktagen wurde den Menschen ihre Rolle als gehorsame Untertanen immer wieder verdeutlicht“, erläuterte der Lokalhistoriker und nannte beispielhafte Reden von Castrop-Rauxeler Honoratioren wie dem damaligen Bürgermeister.

Der Kaiserkult sei gar so weit gegangen, dass das Volk jährlich seinen Geburtstag oder auch sein Regierungsjubiläum gefeiert habe. „Festkomitees wurden eigens dafür eingerichtet“, so Scholz. „Und bei der Gestaltung der Feierlichkeiten kam es nicht selten zu Diskussionen bezüglich der Sitzordnung oder der Menüfolge.“ Anlass für Streitigkeiten sei zudem die Frage danach gewesen, wer der städtischen Amtsträger den „Kaisertoast“ ausbringe. Scholz: „1912 stritten sich der Postdirektor, der Gerichtsdirektor und der Bürgermeister darum.“

Dieser monarchische Pathos, er wandelte sich mit dem Jahr 1918, mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Beginn der Weimarer Republik, mit der deutschen Niederlage und deren Folgen wie Gebietsabtretungen oder Reparationszahlungen. Öffentliche Ansprachen seien mitunter emotional aufgeladen gewesen. Eine Verklärung der Taten der im Krieg Gefallenen habe statt gefunden. Zunehmend habe aus den Reden die Überzeugung gesprochen, dass die Menschen in einer „zerrissenen Republik“, einer destabilisierten Gesellschaft lebten, schilderte Dietmar Scholz. „Die Hoffnung galt dem Entstehen eines dritten Reiches.“

Zur Zeit der NS-Herrschaft verlor das gesprochene Wort schließlich an Gewicht. „Viel mehr setzte man bei öffentlichen Veranstaltungen wie Einweihungen von Ehrenmalen auf optische und akustische Mittel“, so Scholz.

Erst 1946 habe „die Ankunft Castrop-Rauxels im Westen begonnen“. Ein Wandel der politischen Mentalität habe eingesetzt. So habe ein Major der britischen Besatzungsmacht die erste Ratssitzung nach Ende des Zweiten Weltkrieges als „Schritt vorwärts in Richtung Freiheit“ bezeichnet. Der Weg zum selbstbewussten, kritischen Bürger sei somit bereitet gewesen.

 
 

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