Der Schuss verfehlte ihn nur ganz knapp

Der ehemalige Bankangestellte Heinz-Georg Oelmann berichtet von den Banküberfällen, die er selbst erlebt.
Der ehemalige Bankangestellte Heinz-Georg Oelmann berichtet von den Banküberfällen, die er selbst erlebt.
Foto: Dietmar Wäsche / WAZ Fotopool
Heinz-Georg Oelmann hat als Bankangestellter zwei Raubüberfälle miterlebt. In einem Fall war der Täter nicht nur ein Bankräuber, sondern zugleich auch der Mörder seines Vorgesetzen. Erinnerungen an den 14. Juli 1969.

Castrop-Rauxel.  Ich sitze im Wohnzimmer von Heinz-Georg Oelmann. Der Rentner aus Castrop-Rauxel hat gerade seine Enkelkinder zu ihren Eltern gebracht, es gibt Kaffee, es ist gemütlich. Was mir Oelmann aber in den kommenden 60 Minuten erzählt, ist weit davon entfernt, gemütlich zu sein. Der 66-Jährige hat in seiner beruflichen Laufbahn als Bankangestellter und späterer Bankbetriebswirt zwei Raubüberfälle miterlebt. In beiden Fällen konnte der Täter nicht gefasst werden. In einem der beiden Überfälle ist der Täter nicht nur ein Bankräuber, sondern gleichzeitig auch ein Mörder.

Was am 14. Juli 1969 passiert ist, geht Heinz-Georg Oelmann immer noch nah, man merkt es ihm an. Der damals 22-Jährige sitzt am Schreibtisch der Filiale der Spar- und Darlehenskasse an der Dortmunder Straße in Henrichenburg. Ein Mann betritt die Bank. „Der fiel sofort auf. Er hatte überall Pflaster im Gesicht“, erinnert sich Oelmann. Der Bankangestellte ist mitten in einem Kundengespräch. Wie versteinert bleibt der fremde Mann mit dem beklebten Gesicht hinter der großen Schalterquittungsmaschine stehen.

Oelmann legt den Hörer auf, geht nach vorne zum Schalter, will den auffälligen Mann bedienen. Doch dazu kommt es nicht, er blickt in den Lauf einer Pistole. „Mir war sofort klar, was er wollte. Er hat nichts gesagt. Ich beruhigte ihn und versicherte, dass er das Geld bekommt.“ In der Kasse befinden sich zu diesem Zeitpunkt 5500 Mark. Zu wenig für den Täter. „Kein Kleingeld! Wo ist der Tresor?“, so berichtet Oelmann.

Nun wird auch der damalige Bankdirektor Josef Lattmann auf den Überfall aufmerksam. Der Bankräuber ändert seinen Plan, verliert das Interesse am Tresor und flüchtet mit den 5500 Mark aus der Bank. Bankdirektor Lattmann greift zur Dienstpistole und verlässt mit Oelmann über den Hinterausgang das Bankgebäude. Es kommt zum Showdown auf dem Parkplatz. Oelmann berichtet weiter: „Mein Chef rief: Hände hoch oder ich schieße!“ Der Bankräuber zeigt sich von dieser Warnung unbeeindruckt, lässt von seinem Moped ab und läuft mit gestreckter Pistole auf Oelmann und Lattmann zu. Es fällt ein Schuss. Lattmann ist tot. Der Bankräuber geht zurück zu seinem Moped, dreht sich um und schießt auf Oelmann. Der Schuss verfehlt ihn nur knapp und schlägt 30 Zentimeter neben seinem Kopf in das Mauerwerk ein. Oelmann: „So etwas vergisst man sein Leben lang nicht mehr.“

Der Mörder flieht mit seinem Krad auf der B235. Ein anderer Motorradfahrer hat die Schüsse mitbekommen und nimmt die Verfolgung auf. Als er auf gleicher Höhe ist, zieht der Bankräuber erneut die Waffe und schießt, ein Steckschuss in der Lunge. Der Täter kann mit der Beute entfliehen.

Eine Großfahndung, ein Aufruf bei Aktenzeichen XY und die eingesetzte Sonderkommission bleiben ohne Erfolg, vom Täter fehlt jede Spur – bis heute. Nur einen Tag später steht Oelmann schon wieder hinterm Bankschalter: „Ich musste einfach was zu tun haben, zu Hause wäre ich wahnsinnig geworden.“ Die erste Zeit war schlimm für ihn: „Ich hatte Angst abends vor die Tür zu gehen. Eine psychologische Betreuung oder andere Maßnahmen, wie man sie heute macht, gab es noch nicht.“ Die Bilder hatten sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Er ist sich sicher: „Wenn ich den Täter auf der Straße gesehen hätte, hätte ich ihn sofort identifiziert. Egal, ob das zehn Jahre später gewesen wäre.“

Damit ist Oelmann aber nicht alleine, es scheint Mitwisser zu geben. Bis Ende der 1970er Jahre gingen bei der Bankfiliale regelmäßig Anrufe ein. Oelmann: „Die Forderung war immer gleich: Gib mir 10 000 Mark und ich sag dir, wer der Mörder ist.“ Unklar ist, ob es sich bei diesen Anrufen um einen unbedachten Streich handelt, oder ob manche Menschen wirklich mehr wissen.

Wer etwas weiß, kann Kontakt zur Redaktion ( 92 181 31) aufnehmen. Mord verjährt nicht.

 
 

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