Denkmalschutz für Grab auf St.-Lambertus-Friedhof

"Pilzkinder" wird das Denkmal genannt, dass sich seit 1922 auf dem katholischen Friedhof an der Wittener Straße befindet. "Pilzkinder" deswegen, weil dort 31 Jungen begraben wurden, die tragischerweise im Jahr 1918 an einer Pilzvergiftung starben. Das Grabmal wurde nun in die Denkmalschutzliste aufgenommen.

Obercastrop.. Seit Kindheitstagen führt der Weg des heute 88-jährigen Obercastropers Heiner Laumann an Allerheiligen hinauf zu dem markanten Grabmal auf dem katholischen Friedhof an der Wittener Straße mit der Aufschrift "Lasset die Kindlein zu mir kommen". Sein älterer Bruder Hermann gehört zu den 31 dort begrabenen Jungen, die nach einer Verkettung von tragischen Umständen infolge einer Pilzvergiftung kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs im September 1918 dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Die Jungen waren zwischen 6 und 14 Jahren alt

Gut 97 Jahre später hat dieser für viele Familien persönliche Ort des Gedenkens und der Trauer mit der Aufnahme in die Denkmalschutzliste der Stadt Castrop-Rauxel eine öffentliche Aufwertung erfahren. Wörtlich heißt es in der Begründung: "Das Grabmal ist bedeutend für die Geschichte der Menschen, da es im weiten Umfeld für eine tragische, einzigartige und katastrophale Begebenheit errichtet worden ist. Sowohl der Anlass als auch die Errichtung des Grabmals über einem Massengrab, in die die opfer kollektiv beigesetzt worden sind, sind soweit bekannt, singulär."

Was hier in kühlem Behördendeutsch formuliert worden ist, stand vor knapp einem Jahrhundert für die aus lokaler Perspektive größte zivile Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Die Beisetzung der Jungen im Alter von 6 bis 14 Jahren am 17. September 1918, die ihr früher Tod am Ende einer viermonatigen Landverschickung in Bierschlin (heute Bierzglin/Polen), einer Stadt in der seinerzeit deutschen Provinz Posen ereilte, geriet zu einem der beeindruckendsten Trauerbekundungen der Stadtgeschichte.

Grabmalspruch aus Evangelien entnommen

"Die Anteilnahme der Castroper Bürger war gewaltig, der Trauerzug reichte vom Gymnasium bis zum Friedhof und Menschen umgaben den Zug auf dem gesamten Weg zu beiden Seiten". So heißt es auf der Informationstafel vor Ort. Dort werden auch der gesamte Ablauf der Geschehnisse geschildert sowie die Namen der betroffenen Kinder aufgelistet.

Geschaffen wurde das Grabmal 1922 von dem Dortmunder Bildhauer Friedrich Bagdon (1878 bis 1937) im Jugendstil. Die schützenden Hände Jesu legen sich um zwei Kinder, das Zitat "Lasset die Kindlein zu mir kommen" ist den Evangelien des Lukas und Matthäus entnommen. Darin weist Jesus seine Jünger zurecht, die ihn vor einer vermeintlichen Belästigung durch Kinder bewahren wollten.

Historische Denkmäler, die es auf anderen Friedhöfen nicht gibt

In der Neuzeit hat dieser Ort im Sinne seiner Ursprünglichkeit eine neue Nutzung erfahren. Seit 2009 werden dort zwei Mal jährlich sogenannte "Sternenkinder" beigesetzt. So nennt man Ungeborene, die im Mutterleib gestorben sind und für die früher kein reguläres Begräbnis vorgesehen war. Steinmetz Denis Prosenc hat im Gedenken an sie einen zweiten Stein mit einem Jesaja-Zitat entworfen und aufgestellt, der die Metapher der beschützenden Hände wieder aufnimmt.

Theodor Schrader vom Kirchenvorstand der Lambertus-Gemeinde stellt das neue geschützte Denkmal kulturhistorisch in Zusammenhang mit dem Denkmal für die gefallenen Bergleute der Zeche Erin im Ersten Weltkrieg. "Wir haben mit diesen beiden Werken ein Alleinstellungsmerkmal, das es auf anderen Friedhöfen in der Stadt nicht gibt."

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