Das traurige Schicksal der Pilzekinder

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Die Narben, die der Erste Weltkrieg 1918 bereits bei der Bevölkerung hinterlassen hatte, waren enorm. Krieg, Not, Elend, Verluste. Es war eine schwere Zeit. Für einige Castrop-Rauxeler kam noch ein sehr persönliches Unglück hinzu. Die Tragödie ereignete sich im September 1918 und kostete 31 Jungen zwischen 6 und 14 Jahren das Leben.

Die Geschichte der Pilzekinder ist für viele Castrop-Rauxeler wahrlich keine neue Geschichte. Doch sie zu erzählen, sie zu hören, hinterlässt immer wieder Gänsehaut, macht betroffen. Der Henrichenburger Heinrich Olfmann sammelt alles, was mit der Geschichte Castrop-Rauxels, speziell Henrichenburg zu tun hat. Auch die Geschichte der Pilzekinder dokumentieren viele, viele Artikel in seinen Sammelordnern. Wenn er erzählt, kommt die Geschichte in ihrer ganzen Tragik zur Geltung.

Dabei fing die Geschichte schmerzlindernd an. Nach der Hungersnot im kriegsentscheidenden Jahr 1917, – dem „Steckrübenjahr“ – beschloss man, die Kinder aufs Land, in die Ferien zu schicken. So fuhren im Frühsommer 40 Jungen aus der Augustaschule in Obercastrop, der Franziskusschule in Schwerin sowie aus er Viktoria- und der Altstadtschule in Castrop mit ihrer Lehrerin nach Bierschlin in Wreschen (Posen). Dort gingen sie zur Schule und halfen bei Arbeiten auf dem Hof. Doch die Erholung sollte kurz ein jähes Ende finden. Am 8. September begaben sich die Jungen nach einem Gottesdienstbesuch in Wreschen auf einen Spaziergang durch den Wald, als sie ein paar Pilze fanden, die sie für das Abendessen sammelten.

Wieder zurück auf dem Gutshof zeigten sie der Köchin ihre gesammelten Pilze, diese befand sie für nicht giftig und bereitete am Abend des 9. September damit das Abendessen zu. Ein tödlicher Irrtum, wie sich kurze Zeit später heraus stellen sollte. Denn unter den Pilzen befanden sich auch hochgiftige grüne Knollenblätterpilze.

Die Wirkung dieses fatalen Irrtums ließ nicht lange auf sich warten. Schon in der Nacht bekamen die ersten Jungen heftige Magenschmerzen, Krämpfe und mussten sich erbrechen. Einzig sieben Jungen und die Lehrerin, die die Pilze nicht gegessen hatten, blieben von den Beschwerden verschont.

Ein herbeigerufener Arzt wollte zunächst nicht an eine Pilzvergiftung glauben, er diagnostizierte eine leichte Magenverstimmung, die er mit Medikamenten behandelte, die jedoch nur kurzweilig Linderung verschafften. Auch er sollte sich bitter – und zum Leidwesen der Castrop-Rauxeler-Familien – irren. In der Nacht auf den 11. September starben die ersten beiden Castroper Jungen.

Nun war klar, dass es sich nicht um eine Magenverstimmung handelte. Die Jungen wurden in ein Krankenhaus gebracht, bekamen Bluttransfusionen. Doch es half nichts. Am Ende überlebten von den 33 Kindern, die von den Pilzen gegessen hatten, lediglich zwei. Die übrigen konnten nur noch in ihren Särgen nach Hause zurückkehren. Dort wurde eine große Gedenkfeier für die Opfer veranstaltet, bevor sie alle in einer gemeinsamen Gruft beerdigt wurden.

 
 

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