Castrop-Rauxeler halfen bei Urknall-Simulation mit

David Huth
Der Atlas-Detektor beim Teilchenbeschleuniger in Genf hat einen  25-Meter-Durchmesser und ist 7000 Tonnen schwer. Foto: Cern
Der Atlas-Detektor beim Teilchenbeschleuniger in Genf hat einen 25-Meter-Durchmesser und ist 7000 Tonnen schwer. Foto: Cern
Foto: CERN
Die Versuchsanlage für die Simulation des Urknalls hat gigantische Ausmaße. Für die Stromversorgung der Apparatur sorgte das Unternehmen Flohe aus Castrop-Rauxel.

Castrop-Rauxel. Ein Teil der Technik, um den Urknall zu simulieren, stammt aus der Europastadt. Das mittelständische Unternehmen Flohe, das seinen Sitz im Gewerbegebiet Habinghorst hat, arbeitete knapp sieben Jahre am größten Teilchenbeschleuniger der Welt mit. Das Projekt ist abgeschlossen, aber der technische Leiter Matthias Müller erinnert sich immer noch gerne zurück. „Der Auftrag war eine der größten Sachen, die wir bislang gemacht haben“, sagt der Ingenieur.

Von Teilchenphysik versteht niemand der rund hundert Mitarbeiter bei Flohe viel, aber sie sind Experten, wenn es um hohe Stromstärken geht. Das war der Grund, warum das Europäische Zentrum für Teilchenphysik (CERN) in Genf bei den Castrop-Rauxlern anfragte, ob sie Kabel und Verbindungsstücke liefern und vor Ort montieren könnten.

Kein alltäglicher Kunde. Industriebetriebe wie Chemiekonzerne oder Stahlwerke beliefert Flohe normalerweise mit der Hochstrom-Technik, die sie für ihre Produktion benötigen. Lichtbogenöfen, die verwendet werden, um Stahlschrott mit Hilfe von Elektrizität einzuschmelzen, stehen beispielsweise in fast allen Stahlwerken in der Region.

Mit dem Auftrag aus der Schweiz betrat das Konstruktion- und Entwicklungsteam zwar kein technisches Neuland, aber der „Large Hardon Collider“ (LHC) wie die Protonenschleuder im Fachjargon heißt, bereitet ihnen viel Kopfzerbrechen. „Die Stromstärken, die im Teilchenbeschleuniger benötigt werden, waren für uns Kleinkram, aber der Schlauch für die Kabel war schon eine Herausforderung“, erklärt Matthias Müller.

Der elektrische Strom, der die Magneten im Inneren des LHC mit Energie versorgt, benötigt eine Stärke von 13 000 Ampere. Die Magneten halten die Teilchen in der Bahn, wenn sie mit annähernd Lichtgeschwindigkeit durch die unterirdische Röhre jagen. Die maßgeschneiderten Spezialkabel, die von Castrop-Rauxel aus überall in die Welt gehen, vertragen um einiges mehr Ampere, als die Forscher vom CERN brauchten, um ihre Anlage in Betrieb zu nehmen. „Die tausendfache Stromstärke als in deutschen Haushalten üblich ist“, nennt Müller zum Vergleich.

Den nötigen Saft durch die Adern des LHC fließen zu lassen, war ein Kinderspiel für Flohe. Der Teilchenbeschleuniger stellte Müller und seinen Montagetrupp allerdings vor andere Schwierigkeiten. Die Arbeitssituation hundert Meter unter der Erde von der Stadt Meyrin im Kanton Genf, schaffte Bedingungen, die in einem Chemie- und Stahlwerk nicht vorkommen. „Die Anforderung an das Material waren sehr hoch“, so Matthias Müller. Alles musste der strengen Airbusnorm für Brandschutz entsprechen. Das zog unzählige Materialtests nach sich. So durften zum Beispiel keine halogenhaltigen Stoffe verwendet werden, die unkontrollierbare Brände auslösen. Stattdessen verwendete Flohe selbstlöschende Gummi für die Ummantelung, damit destilliertes Wasser die Kupferdrähte umspülen kann. Die Kabel sollen so gekühlt werden.

Das Projekt ging für Flohe reibungslos über die Bühne. Als es dann aber hieß, dass der Teilchenbeschleuniger nicht funktioniert, war es für Matthias Müller eine echte Hiobsbotschaft. „Da habe ich schon einen großen Schreck bekommen, aber an unserer Technik lag es zum Glück nicht“, so der Ingenieur. Die Helium-Kühlung verschiedener Komponenten habe versagt, aber nichts, was die Castrop-Rauxler eingebaut haben.

Auch für einen neuen Linearbeschleuniger in Schweden rechnet sich das Unternehmen aus der Europastadt Chancen aus. Nächstes Jahr soll es aber auch noch zur Revision in die Schweiz gehen.