Avi Primor begeisterte bei Diskurs in Castrop-Rauxel

Gespannt lauschten am Freitag rund 330 Besucher in der Castrop-Rauxeler Lutherkirche Avi Primor. Der Mann, der von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland war, begeisterte mit seiner Historie, seinen Ideen, seinem Buch und seinen pointierten Argumenten. Primor stellte sich auch den Fragen der Zuschauer.

Castrop-rauxel.. Die Fragestunde, die rund 30 Minuten der 90-minütigen Veranstaltung füllte, hätte vermutlich bis zum nächsten Morgen andauern können. Grundlegend dafür waren die Erzählungen Primors. Der Diplomat a.D. stellte dabei nicht nur Thesen aus seinem Buch "Nichts ist jemals vollendet" dar, sondern griff auch präzise und in makellosem Deutsch die Fragen des Moderators und WDR-Ruheständlers Werner Sonne auf.

Bereits in seiner ersten Antwort gab Primor das Leitmotiv für den Abend vor, nämlich seinen Buchtitel: "Nichts ist jemals vollendet. Etwas als vollkommen zu betrachten ist, verheerend."

So sollte auch der Abend unvollendet bleiben - die Zeit war schlicht zu knapp. Primor, der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, rief bei den meisten der Besucher das gleiche Gefühl hervor. "Ich könnte Ihnen noch Stunden lang zuhören und hätte noch so viele Fragen", sagten zahlreiche Leser zum Ex-Botschafter bei der Signierung seines Buches.

Dabei unterteilte sich der Abend in vier Blöcke: Zunächst skizzierten Primor und Sonne, der sich seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 mit dem Nahen Osten beschäftigt, die frühe Historie Israels - und damit auch Primors. "Seine Geschichte ist mit der Geschichte Israels eng verknüpft. Es war sehr beeindruckend", summierte Martina Tielker von der Castroper Leselust und Teil des Organisationsteams.

Der Ex-Botschafter nahm, für seinen Berufszweig eigentlich für öffentliche Auftritte eher unüblich, in seiner gewohnten Art kaum ein Blatt vor den Mund. "Ich wollte mit Deutschland lange Zeit nichts zu tun haben und kam erst als Botschafter 1993 erstmals nach Deutschland. Es war emotional schwierig", erklärte Primor.

Erst die Auschwitz-Prozesse und die 68er-Bewegung haben seinen Blick auf das Geburtsland seiner Mutter nachhaltig verändert. Dabei sandte er auch ein Lob die Bundesrepublik: "In allen Ländern gibt es Denkmäler, die sich mit heroischen Siegen, berühmten Persönlichkeiten oder traurigen Niederlagen beschäftigen. Deutschland ist das einzige Land, dass Denkmäler über die eigene Schuld erbaut hat und kein Land hat sich so intensiv mit der Schuld auseinander gesetzt, wie Deutschland."

Primor: "Antisemitismus ist konstant rückläufig"

Primor zog Schlussfolgerungen zu den deutsch-israelischen Beziehungen: "Die Deutschen sind im Umgang mit Israel immer noch gehemmt." Auch zum Thema Antisemitismus nahm der Weltbürger, der während seiner Zeit als Diplomat verschiedene Stationen und Aufgabengebiete in Afrika, Asien und Europa hatte, klar Stellung: "Ich habe lange mit Wissenschaftlern und Demoskopen geforscht und bin zu dem Schluss gekommen, dass der Antisemitismus konstant rückläufig ist. Es gibt ihn immer noch, aber die Öffentlichkeit nimm ihn anders wahr, es wird darüber viel berichtet."

Zum Ende der Veranstaltung verabschiedete Primor das Publikum mit einer Warnung: "Es gibt Differenzen zwischen den Regierungen. Auch die Beliebtheit Israels in Deutschland nimmt konstant ab. Wenn wir die zwischenmenschlichen Beziehungen verlieren, dann steht die ganze deutsch-israelische Beziehung und Freundschaft in Frage."

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