Weihnachten als echtes Geschenk

Ihre Weihnachtsgeschichte bewegt tiefer, als das teuerste Geschenk: Sandra Wagner und Jilian mit Dieter Hein, der mit ihnen Weihnachten feiert.
Ihre Weihnachtsgeschichte bewegt tiefer, als das teuerste Geschenk: Sandra Wagner und Jilian mit Dieter Hein, der mit ihnen Weihnachten feiert.
Foto: FUNKE FotoServices
Sandra Wagner wollte jemanden einladen, der Heiligabend allein ist. Dieter Hein ließ sich auf die Familie ein. Daraus entstand Freundschaft.

Für Dieter Hein ist dieses Weihnachtsfest eines, wie er es seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt hat; eines, auf das er sich wieder wie in Kindertagen freut. „Geborgenheit, Liebe, Herzlichkeit, das verbinde ich mit Weihnachten“, sagt der 55-Jährige. Er kannte das Gefühl schon gar nicht mehr. „Es war schon ganz aus meinem Leben verschwunden.“ Aber jetzt kommt es zurück, kommt diese Sehnsucht zurück, die bei vielen Menschen nur zu Weihnachten wach wird. Aber es quält ihn nicht, weil es ihm etwas verheißt: Weihnachten wird schön, Weihnachten wird ein richtiges Fest. Geschenkt hat ihm das Sandra Wagner. Einfach so. Einfach so aus Mitmenschlichkeit. „Ich hab das schon ganz lange im Kopf gehabt“, sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. „Ich wollte jemanden, der wohnungslos ist, Heiligabend einladen, damit er nicht allein ist.“ Eine Aktion in dem sozialen Netzwerk Facebook, Bedürftigen „Herzenszeit“ zu schenken, habe sie bestärkt. Also fragte sie Claudia Kretschmer, die Leiterin der Evangelischen Sozialberatung. Ihr fielen sofort sehr arme Menschen ein, die zwar eine Wohnung haben, aber Weihnachten dennoch in Einsamkeit verbringen. Sie nahm Sandra Wagner mit zur Suppenküche, fragte in die Runde, wer Interesse habe. „Es meldeten sich drei Männer“, erzählt die 42-jährige Bottroperin. Sie lud sie alle drei im vergangenen Jahr für Heiligabend zu sich nach Hause ein. Dieter Hein war einer von ihnen.

„Es war richtig schön“, erzählt er, „wir haben Kaffee getrunken, uns unterhalten.“ Später wurde gemeinsam gegessen, Dieter, wie er genannt wird, schwärmt noch heute davon. „Es war eben ein richtiges Weihnachtsfest in der Familie.“

Die alleinerziehende Mutter, der es materiell nicht übermäßig gut geht, hat zu Weihnachten jedem von ihnen das Wertvollste geschenkt, das Menschen schenken können: Mitmenschlichkeit.

Für Dieter Hein blieb es aber nicht dabei, aus dem Weihnachtsgeschenk wurde Freundschaft. „Wir haben uns mal in der Stadt getroffen“, erzählt Sandra Wagner, „haben uns mal geschrieben, mal zum Kaffee verabredet.“ Und deshalb kommt Dieter Hein heute an Heiligabend wieder in ihre Familie. „Es war letztes Jahr so schön“, lächelt er, „aber ich glaub’, jetzt wird es noch schöner. Wir kennen uns ja jetzt schon.“

Aber nicht nur er freut sich, auch die vierjährige Jilian strahlt. „Ich seh’ ihn gern“, sagt sie. Und auch die 24-jährige Tochter sei von der Weihnachts-Idee angetan – wenn auch nicht von Anfang an, sagt die Mutter. „Sie hat zuerst schon gefragt: Möchtest du das wirklich?“ Inzwischen jedoch freue sie sich wie alle anderen auf Dieter Hein.

Skeptisch war zuerst auch Claudia Kretschmer. „Ich hab mich gefragt, ob das gut geht, dass jemand sein Privates so weit öffnet.“ Es ging gut. Heute ist sie richtig glücklich darüber, dass sich Dieter Hein und Familie Wagner getroffen haben.

Sandra Wagner, diese außergewöhnliche Bottroperin, hält das, was sie macht, gar nicht für außergewöhnlich. Es sei doch selbstverständlich, winkt sie ab. Mit ihrer Tochter Jilian rede sie oft darüber. „Weihnachten ist vielfach nur noch ein großer Konsumrausch“, sagt sie. „Es ist mir wichtig, dass Jilian ein Bewusstsein dafür entwickelt.“

Jilian hört nicht nur davon, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht, sie erlebt auch, dass es diesen Menschen gut geht, wenn man sie gut behandelt. Es ist eine Weihnachtsgeschichte, die viel tiefer bewegt, als jedes noch so teure Weihnachtsgeschenk.

 
 

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