Walker Evans’ Fotografie neu entdecken

Das Josef Albers Museum Quadrat zeigt noch in diesem Jahr die erste große Walker Evans Retrospektive in Europa. Mit „Depth of Field“ -was in der Wissenschaft soviel wie Tiefenschärfe bedeutet - widmet das Bottroper Haus einem der wichtigsten und bekanntesten US-Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Schau, die in Zusammenarbeit mit bedeutenden Häusern wie dem Museum of Modern Art, dem Getty Museum und bedeutenden amerikanischen Privatsammlungen entstand.

Kontrastreiche Schwarzweiß-Ästhetik

Die gemeinsam mit dem High Museum of Art in Atlanta erarbeitete und von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Werkschau zählt mit etwa 180 Arbeiten damit zu den großen Walker Evans-Retrospektiven - zu sehen vom 27. September bis 10. Januar 2016.

Evans, 1903 in Missouri im Süden der USA geboren, fasziniert schon in seinen frühen Studienjahren in Paris die europäische Fotografie - und entwickelt sich nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten in den späten 1920er Jahren zu einem der wichtigen Vertreter der Dokumentarfotografie. Früh bekannt wird er durch seine kompromisslose Darstellung von Armut und Elend, die die große Wirtschaftskrise seit 1929 in seinem Land auslöst.

Straßenszenen, Einblicke in die Wohnungen der Kleinbürger- oder Arbeiterschicht, die vernachlässigte oder verschmutzte Umwelt der Industriezonen, anonyme, gesichtslose Architektur: Dies sind die Themen, mit denen Walker Evans sich seit seiner Rückkehr aus Europa - mit einem einerseits modern geschulten, aber zugleich distanzierten Blick - auseinandersetzt.

Die Bottroper Schau widmet dabei auch - wie bereits eine kleinere Kölner Ausstellung vor drei Jahren - dem späteren Werk des 1975 in Connecticut verstorbenen Fotografen mehr als nur einen Seitenblick.

Diese späteren Arbeiten stehen etwas im Schatten der so genannten Foto-Ikonen, die unter dem Titel „American Photographs“ bereits 1938 Fotografie-Geschichte schreiben und mit denen das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) damals die erste Einzelausstellung für einen Fotografen überhaupt konzipiert.

Vom Schriftsteller zum Fotografen

Dabei kommt Walker Evans - salopp gesagt - zur Fotografie wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Eigentlich plant er, Schriftsteller zu werden. Als dies nicht so recht vorankommt, wechselt er zur Fotografie, allerdings ohne je bei einem Fotografen in die Lehre zu gehen oder eine Kunstakademie zu besuchen. Verdankt er, der im Grunde also Autodidakt ist, seine ersten Aufträge vielleicht seinem guten Netzwerk in der New Yorker Szene, so fundamentiert sein unübersehbares Talent seinen Aufstieg und späteren Ruhm.

Den festigt der Fotograf früh, vor allem mit der Schwarz-Weiß-Ästhetik jener „American Photographs“ der 1930er Jahre, die mit ihrer kontrastreichen Eindringlichkeit auch in der kommenden Bottroper Schau „Depth of Field“ eine zentrale Rolle spielen werden.

Mit der Retrospektive „Tiefenschärfe“, die Museumschef Heinz Liesbrock zusammen mit John T. Hill, dem Nachlassverwalter von Walker Evans, konzipiert, übertrifft das „Quadrat“ in der Breite der Auseinandersetzung wohl nicht nur die erwähnte Kölner Ausstellung, sondern auch die Berliner Evans-Schau, die kürzlich zu sehen war.

Damit setzt das Haus im Stadtgarten seine Reihe mit bedeutender amerikanischer Fotografie fort, die zuvor eine große Werkschau von Robert Adams präsentierte.

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