Verbotene Liebe in dunkelster Zeit

Dirk Aschendorf

Als ob die erste Liebe oft nicht schon schwierig genug wäre: Das Seifenblasen-Figurentheater begibt sich mit „Hannes und Paul“ in die Zeit des Nationalsozialismus und erzählt die ebenso anrührende wie tragische Geschichte einer Liebe zwischen zwei Schülern, die - einmal von den Erwachsenen entdeckt - im Freitod der 16-Jährigen endet. Mit diesem Stück für Jugendliche und Erwachsene zeigen die „Bottroper Figurentheatertage“ einmal mehr, wie vielfältig die Szene ist.

Humanismus und Nazi-Diktatur

Warum das Seifenblasen-Theater aus Meerbusch diese klaustrophobische Familientragödie im Untertitel als „Liebeskomödie“ bezeichnet, lässt sich kaum nachvollziehen. Was Puppenspielerin Elke Schmidt als packendes Kammerspiel für drei direkt geführte Puppen (und eine Schauspielerin) auf die kleine Bühne in der Alten Börse brachte, war nicht nur die kunstvolle Verschränkung von antiker Vorlage und deutscher Geschichte, sondern zugleich packendes Spiel. Schmidt - mit wunderbar modulationsfähiger Stimme - packte sich nicht nur beherzt ihren Nazi-Gatten, der wie ein einäugiger Kleinbürger-Wotan mit Ekel-Alfred Reminiszenzen daher polterte, sondern hielt auch Sohn Hannes und dessen Schulfreund Paul intensiv am Schlafittchen.

Die Freunde spielen in der Schule Pyramus und Thisbe. Original Ovid, auf Latein, wie es selbst im Nazi-Reich auf dem humanistischen Gymnasium üblich war. Beide kommen sich nicht nur durch die berühmte imaginäre Bühnenwand des antiken Klassikers näher. Im wirklichen Leben entwickelt sich die Art von Liebe, die damals - und noch lange später - nicht sein durfte.

Die Puppen-Jungen ahnen zum ersten Mal, was ihnen passieren könnte, als ihr Lehrer wegen Homosexualität abtransportiert wird. Als Hannes’ Vater an der Front stirbt, könnte die häusliche Gefahr vorbei sein, wäre nicht die Mutter, die den Freund ihres Sohnes anzeigt, nachdem sie beide ertappt hat. Die Jungen stürzen sich von einer Brücke.

Zwischen sparsamen Requisiten einer Kleinbürgerküche - und Text- und Musikeinspielungen, darunter Zarah Leanders „Kann denn Liebe Sünde sein“ - in der punktgenauen Regie von Neville Tranter, erzählt Elke Schmidt in beeindruckender Wandlungsfähigkeit die bitter-zarte Geschichte aus dunkler Zeit - und lässt zeitweise vergessen, dass „nur“ Puppen ihre Bühnenpartner sind.