Tausende Narren auf den Straßen in Bottrop

Tausende Schaulustige bejubelten die Teilnehmer des Rosenmontagszuges.
Tausende Schaulustige bejubelten die Teilnehmer des Rosenmontagszuges.
Foto: Winfried Labus/WAZ-FotoPool
Die Zugteilnehmer belohnen die aufwendigen Kostüme der Jecken am Streckenrand mit reichlich Kamelle. Doch die schrumpfende Beteiligung stellt die Frage nach der Zukunft des Bottroper Karnevals. Am Rathaus leistet niemand ernsthaften Widerstand. Ein Überblick.

Bottrop. Auf dem Motiv-Wagen der KG Batenbrock hat sich eine verschworene Gemeinschaft, die sich die „Statt-Wache“ nennt, einer knallharten Mission verschrieben. Sie wollen die Stadt mit Frohsinn und reichlich Kamelle gegen schlechte Laune verteidigen. Also werden die Sträflinge an Bord des Zollwagens kurzerhand von den Uniformierten enteignet, und der Besitz der Süßwaren den Fang-Talenten am Streckenrand überschrieben. Das freut besonders die ganz jungen Jecken wie Sven (6): „Das Fangen und Sammeln macht einfach am meisten Spaß.“

Angeführt wird der Zug in diesem Jahr von der 31-köpfigen Fußgruppe „Fanfarencorps Hervest-Dorsten“. „Wir sind eigentlich immer dabei, aber waren noch nie ganz vorn. Das ist eine echte Ehre für uns“, sagt einer der Fahnenschwenker, kurz vorm Start des Zuges. Bis es endlich los gehen kann, ist bei den Jecken Geduld gefragt. Bei einem Wagen gibt es Probleme mit der Tüv-Zulassung. Mit etwa einer dreiviertel Stunde Verspätung setzt sich der Zug in Bewegung. „Es sind ungefähr 40 Teilnehmer“, heißt es beim Festkomitee.

Eine besondere Ehre

Den Tollitäten Christian I. und Margret I. wird eine besondere Ehre zuteil. Ihr prunkvoller Prinzenwagen ist eingerahmt von den Jubiläums-Wagen der KG 13 unter dem Motto „Tradition verbindet.“ Bilder aller bisherigen KG-13-Prinzenpaare zieren die Fahrzeuge und erinnern an das 100-jährige Bestehen der Gesellschaft.

Die KG Bottrop-Boy 1960 nimmt den Limburger Bischof Tebartz-van Elst aufs Korn. „Gott vergeld’s“ prangt unter dem Namen des Bischofs auf dem Wagen. „Das ist super. Wir sind die einzigen mit diesem Motto“, freut sich der Sitzungsvorsitzende Frank Feser. Die Boyer Narren haben ihr Wagen-Design ans Motto der großen Damensitzung angelegt: Party wie im Wilden Westen.

Am Streckenrand streifen sich Rekka und Selina ihre Kutten über. „Wir sind der Red-Lips-Orden“, verkünden die beiden fröhlich. Ein paar Meter weiter bekommt Markus (23) mit Perücke und Kleidchen von einem Mitglied der „Plattdütsche ut Waold un Hei“ Extra-Kamelle als Futter für ein üppigeres Dekolleté angereicht. Die Plattdütschen haben sich mit ihrem Casino-Wagen voll dem Motto „Glamour, Glanz und Spiegelei“ verschrieben. Geldscheine, Würfel und Spielkarten heißen die Jecken im fabulösen Las Vegas willkommen.

Ying, eine hübsche Thailänderin in einem zauberhaften Engelskostüm, besucht Freunde in Bottrop und ist begeistert: „Ich sehe so einen Zug zum ersten Mal.“ Echte Stimmungskanonen sind die Handballer der DJK Adler 07. Mit ihrem Wagen in Flugzeug-Form feiern die jungen Männer sich selbst und ihren Handballer-Kollegen, der gerade seinen Flugschein gemacht hat.

Luisa und ihre Freunde meinen, dass es vergangenes Jahr besser gewesen sei. „Da kamen viel mehr Wagen mit Musik“, sind sie sich einig. Auch die Jecken der Kolpingsfamilie Eigen merken, dass es dieses Mal etwas weniger ist. „Eigentlich schade, das Publikum ist ja da.“

Die Frage nach der Zukunft des Bottroper Karnevals formuliert die KG Stellkeswägg offen auf ihrem Elferratswagen. „Den Vereinen fehlt es an Geld und Nachwuchs“, zeigt sich der Stellkeswägg-Vorsitzende Ulli Köster besorgt.

Kampflos will „Kapitän“ Bernd Tischler das Rathaus nicht aufgeben. Er stellt sich dem Prinzenpaar entgegen, spuckt große Töne: „Auf jedem Schiff, ob’s dampft ob’s segelt, gibt es einen, der die Sache regelt.“ Der Spruch hat schon FDP-Außenminister Guido Westerwelle nicht weiter geholfen, er hilft auch SPD-Oberbürgermeister Bernd Tischler nicht. Die Narren nehmen ihm den Schlüssel ab, ziehen in den Ratssaal ein und übernehmen – zumindest bis Aschermittwoch – die Macht.

Kapitän Bernd Tischler geht von Bord 

Dabei hatte Tischler reichlich Verbündete um sich gescharrt, um Prinz Christian I., Prinzessin Margret I. und deren Gefolge zu trotzen. Der Bundestagsabgeordnete Michael Gerdes, SPD-Fraktionschef Thomas Göddertz, Bürgermeisterin Monika Budke und Bezirksbürgermeister Klaus Kalthoff unterstützen den OB. Doch nicht einmal die Brezelbrüder aus Kirchhellen schaffen es die Narren in Schach zu halten – und dass, obwohl sie mit ihrer Kanone bewaffnet waren. Deren Schüsse donnern zwar mehrmals über den Rathausplatz, doch vergebens.

Ein überwältigter Prinz

Oben auf dem Rathausflur schnauft Christian I. dann erst einmal durch. Sagen kann er noch nicht viel, zu frisch sind die Eindrücke vom Zug: „Ich bin einfach überwältigt. Es war phänomenal von oben in so viele fröhliche, zufriedene Gesichter zu schauen.“ Das sei ein krönender Abschluss einer tollen Session. Im Ratssaal verliest er dann ein letztes Mal seine Proklamation.

Selten ist die Kleiderordnung in dem Saal so locker. Dominieren sonst in der Regel eher Anzug und Krawatte – ja, es gibt im Rat einen Männerüberschuss – hatten sich die Besucher diesmal in bunte, kreative Kostüme geworfen. Es sind Clowns unterwegs aber auch zahlreiche Piraten. So hat sich Bezirksbürgermeister Klaus Kalthoff ein Kopftuch umgebunden, um als Pirat Seite an Seite mit Kapitän Tischler das Rathaus zu verteidigen. Nicht das einzige merkwürdige Paar. In roter Tracht mit Pelzmütze und Sowjetstern feiert DKP-Ratsfrau Irmgard Bobrzik. Und während man ihr so ein Outfit noch zutraut, überrascht SPD-Fraktionschef Thomas Göddertz mit der Männerversion dieses Kostüms. Das sorgt für Gelächter und feixende Gesichter am Tisch der Jusos. Nur auf den Sowjetstern verzichtet er. Abgesprochen sei diese besondere Koalition nicht, beteuern beide. „Die gibt’s auch nur zu Karneval“, bekräftigt Göddertz. Ansonsten nimmt das Duo die Sache mit Humor.

Für die „Streetworker“ blieb es ruhig 

Als sich der Zug gegen 12.30 Uhr am Kulturamt vorbei schlängelt, liegen die Scherben der zerdepperten „Zündkerzen“ schon Zentimeter hoch am Straßenrand und auf der Fahrbahn. Am „Brennpunkt“ Jugendtreff wird schon laut gesungen, das eine oder andere Hochprozentige kreist und ein junger Mann, der sich nicht mehr auf den Beinen halten kann, wird weggetragen. Aber die Stimmung ist fröhlich, die Jugendlichen wollen feiern und den Karneval genießen, nicht randalieren.

Ulrich Schulz vom Jugendamt der Stadt beobachtet mit drei Kollegen aufmerksam die Szenerie. Falls nötig würden sie auf die Jugendlichen zugehen, sagt er. Aber dazwischenfahren muss er bis zum späten Mittag gar nicht.

Wahrscheinlich sorgen auch die Polizisten, die gut sichtbar am Rande stehen, mit dafür. Einschreiten müssen sie vor allem, wenn Jugendliche an den aufgestellten Toilettenhäuschen vorbei den Rasen vor dem Kulturamt als Toilette nutzen wollen. „Das kostet 35 Euro“, sagt einer der Polizisten. Und sie achten genau darauf, dass keiner an ihnen vorbei kommt.

Auch die beiden Streetworker (Straßensozialarbeiter), die am Gleiwitzer Platz als Ansprechpartner für die Jugendlichen bereit gestanden haben, sind zufrieden. „Wir haben kein pädagogisches Gespräch führen müssen“, sagt Thomas Baltes. „Zum Glück nicht.“

Anders als die Kollegen vom Jugendschutz wären die Streetworker bei Randale nicht eingeschritten. „Das ist nicht unsere Aufgabe“, erklärt Florian Bendorf. „Wir wollen mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, in einer offenen Atmosphäre, keinen Zeigefinger zeigen.“ Am Rande des Zuges haben sie Mineralwasser verteilt, wenn Jugendliche sichtbar zu viel Alkohol im Blut hatten. Die Bilanz: 300 Flachen Mineralwasser, 300 Brezeln und 300 Kondome, keine „Schnapsleiche“ in ihrem Abschnitt.

Offensichtlich waren einige der junge Narren am Kulturamt auch ganz froh darüber, dass viele Polizisten mit von der Partie war. Sven, 16, im Mönchskostüm, lacht: „Ich fühl mich trotz der Enge sicher – sind doch genug Polizisten da.“ Selbst Stadtprinz Christian I. hat sie im Vorbeifahren im Blick. Ein aufmunterndes Lächeln im Regen, dann wirft er Pralinen – punktgenau in ihre Hände.

„Ich bin lieber hier drinnen als draußen im Trubel“ 

Während die Einen feiern, müssen die Anderen – nur wenige Schritte vom jecken Trubel rund um den Rosenmontagszug entfernt – arbeiten. Oder anders: Sie dürfen arbeiten. Alles ist eben relativ. „Wir sind doch das ganze Jahr über verkleidet“, schmunzelt Sandra Peters, Mitarbeiterin der Bäckerei Sporkmann und fügt erklärend hinzu: „Na, wir schlüpfen doch täglich für die Arbeit in unsere Kittel und verkleiden uns. . .“

Mit Karneval hat Sandra Peters nicht viel am Hut. „Daher macht es mir auch nichts aus, am Rosenmontag zu arbeiten.“ Und einen freien Nachmittag können sie und ihre Kolleginnen ja - jeck oder nicht jeck - trotzdem genießen. „Ich geh’ dann erstmal über die Kirmes und später werde ich den Nachmittag zu Hause verbringen“, meint Kollegin Tatjana Mohammad. „Dann muss ich erst mal runterkommen.“ Denn der Rosenmontag sei schon stressig, zumal manche Kunden in ihrer ausgelassenen Stimmung leider auch ein bisschen ausfallend seien.

Eher ruhig ist es abseits des Rosenmontagszuges im Eiscafé Nicola. „Und ich bin auch lieber hier drin, als draußen in dem Trubel“, meint Nicola Micacchione. „Mir macht es nix aus, heute zu arbeiten.“ Auch Eiscafé Mitarbeiterin Katharina Matsiak sieht das so: „Ich feiere zwar gerne Karneval mit Freunden, aber der Rosenmontagsumzug ist nichts für mich“, so Matsiak. „Es macht mir Spaß, heute zu arbeiten.“

In der Alten Apotheke haben alle Mitarbeiter frei, die gerne Karneval feiern. Und die, die arbeiten, stehen an diesem närrischen Montag verkleidet hinter der Theke. „Das haben wir im Team so besprochen“, erklärt Conny Koeppe. „Aber eigentlich hab ich’s nicht so mit Karneval und daher hab ich auch kein Problem damit, heute zu arbeiten.“

Kollegin Andrea Seidel hat ebenfalls kein besonderes Interesse am Karneval. „Dabei habe ich früher mal im Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr gespielt“, schmunzelt die PTA, die heute in das Kostüm einer Zigeunerin geschlüpft ist. Sie und ihre Kolleginnen müssen bis 13 Uhr arbeiten, anschließend steht noch der Notdienst an. „Bislang ist alles ruhig, aber später kommen sicher noch einige Leute, die unter den Nachwirkungen des närrischen Trubels leiden“, glaubt Conny Koeppe. „Karneval ist nix für mich!“ Das stellt Ayse Özbay entschieden fest. Für „Fresh Frietjes“ frittiert sie am Rosenmontag Pommes für durchgefrorene kleine und große Narren und freut sich schon auf einen ruhigen Feierabend zu Hause – ohne Karneval.