„Sprich mit!“ – alle reden deutsch

Eine Ecke in der Lebendigen Bibliothek ist zweimal die Woche für den Gesprächskreis reserviert.: (v.l.) Peter Gauer, Bodo Behrend, Walid Antar, Nadine Al Akkad und Nelia Linker.
Eine Ecke in der Lebendigen Bibliothek ist zweimal die Woche für den Gesprächskreis reserviert.: (v.l.) Peter Gauer, Bodo Behrend, Walid Antar, Nadine Al Akkad und Nelia Linker.
Foto: FUNKE Foto Services
Gesprächskreis hilft Zuwanderern, sich im Gebrauch der deutschen Sprache zu üben. Die Treffen sind wöchentlich und kostenlos in der Bibliothek.

Bottrop..  Das Treffen trägt den hübschen Namen „Sprich mit!“, und genau das tun die Moderatoren und ihre Gäste. Die kamen einst als Flüchtlinge und Zuwanderer aus verschiedenen Ländern nach Deutschland, hatten erste Deutschkurse bei der VHS in Bottrop besucht – und ihre frisch erworbenen Deutschkenntnisse allmählich wieder vergessen, weil ihnen die Gelegenheiten fehlten, sie auch anzuwenden.

Das brachte Christiane Dahlkamp, zuständige Fachbereichsleiterin bei der Volkshochschule, schon vor drei Jahren auf die Idee, diesen Gesprächskreis zu gründen und dafür ehrenamtliche Moderatoren zu suchen. Bodo Behrend, Peter Gauer und Rudolf Lange ließen sich dafür begeistern und treffen sich im Wechsel zweimal die Woche in der Lebendigen Bibliothek mit ihren Gesprächsteilnehmern. Niemand muss sich anmelden, niemand etwas bezahlen, alle kommen freiwillig und gerne.

Ohne Sprachkenntnisse keine Arbeit

Etwa Nelia Linker. Zusammen mit ihren zwei Töchtern ist sie schon vor sieben Jahren aus Kirgisistan nach Deutschland eingewandert. Sie klingt ein bisschen schüchtern, als sie ihre Geschichte erzählt. „Ich spreche nicht so gut Deutsch“, entschuldigt sie sich. Seit ihrem Deutschkurs fehlt ihr die Praxis. Mit den beiden Töchtern spreche sie nur Russisch. Anders als für die Mutter ist Deutsch für die beiden heute 23 und 16 Jahre alten Mädchen kein Problem. Die ältere lebt in Essen und arbeitet als medizinische Masseurin, die jüngere besucht in Bottrop die Realschule.

Weil sie nicht so gut Deutsch spreche, sagt Nelia Linker, sei sie auch immer noch arbeitslos. „Ich habe drei Jahre in der Betreuung in der Fichteschule gearbeitet. 20 Stunden in der Woche“, berichtet sie von einem 1,50-Euro-Job. Auch in Kirgisistan sei sie arbeitslos gewesen, als die Teppichfabrik pleite ging. „Das Leben ist schwer in Kirgisistan“, meint sie. Es gebe kaum staatliche Unterstützung und Krankenversorgung nur gegen Barzahlung. Lange hat Nelia Linker versucht, mit ihren Töchtern nach Deutschland gehen zu können: „Mein Vater war Deutscher“.

Kontakte

Deutsche Vorfahren hat auch Nadine Ak Akkad: „Meine Oma war Deutsche, sie kam aus Bayern“, erzählt die 21-Jährige in gutem Deutsch. Erst vor einem Jahr floh sie mit Eltern und dem jüngeren Bruder vor Krieg und Gefahr aus Syrien. In Damaskus hat sie Chemie studiert. Im Sommersemester hofft sie, ihr Studium an der Uni Essen wieder aufnehmen zu können. Davor muss sie sich allerdings noch einem Deutschtest an der Uni unterziehen. Hier hat sie zwei Intensiv-Sprachkurse besucht. „Es ist wichtig, Kontakt zu Deutschen zu haben“, betont sie, „wichtiger als Sprachkurse.“ Auch ihre Mutter, Lehrerin in der Heimat, besucht den Gesprächskreis. Sie, deren Mutter Deutsche war, hilft anderen Flüchtlingen als Übersetzerin.

Walid Antar, der aus Tunesien stammt, muss auch noch besser Deutsch lernen. Er ist Elektriker, doch Arbeit in Deutschland wird er nur mit guten Sprachkenntnissen bekommen. Auf zahlreiche Bewerbungen gab es bisher nur Absagen. Walid Antars Frau ist Deutsche und stammt aus Bottrop. Weil sie gerne zurück nach Deutschland wollte, hat die Familie Tunesien verlassen. Der gemeinsame dreijährige Sohn wächst nun zweisprachig auf.

„Wir vermitteln etwas über unsere Lebensweise“

Die Themen, über die sie in ihrem Kreis in der Bibliothek sprechen, sind vielfältig. „Sie haben doch sicher alle von dem Flugzeugabsturz gehört“, leitet Bodo Behrend das Gespräch am Mittwochmorgen ein. Alle haben die Berichte in Fernsehen und Internet verfolgt.

„Letzte Woche haben wir über das Kopftuchtragen gesprochen“, erinnert sich Peter Gauer an ein anderes Thema und an Gespräche über Brauchtum, Kultur und Feste, die man in den Ländern feiert. „Wir wollen ihnen etwas von unserer Lebensweise vermitteln“, erzählt er und dazu beitragen, dass sie hier heimisch werden. „Die meisten wollen ja hier bleiben.“ Und Rudolf Lange freut sich auch über diesen Aspekt: „Wir können hier ganz viel über das Leben in anderen Ländern lernen. Die Dinge würde man sonst nie erfahren.“

Gerne würden sie den Kreis der Teilnehmer vergrößern.

Die Treffen von „Sprich mit“ finden jeden Mittwoch von 10-11 Uhr und jeden Donnerstag von 17.30 bis 18.30 Uhr statt (auch in den Osterferien).

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