Sozialarbeiterin aus Leidenschaft

Claudia Kretschmer blickt auf 25 Jahre Arbeit bei der Evangelischen Sozialberatung Bottrop (ESB) zurück.
Claudia Kretschmer blickt auf 25 Jahre Arbeit bei der Evangelischen Sozialberatung Bottrop (ESB) zurück.
Foto: WAZ Fotopool
Claudia Kretschmer begann vor 25 Jahren ihre Arbeit bei der Evangelischen Sozialberatung Bottrop (ESB). Die Sozialarbeiterin blickt zurück: Damals seien es „Durchwanderer“ gewesen, die in die ESB kamen, heute seien die Probleme der Menschen komplexer.

Normalerweise kommen zur ESB (Evangelische Sozialberatung Bottrop) Menschen, die unter drängender Wohnungsnot leiden, die befürchten müssen, ohne Hilfe auf der Straße zu landen. Doch heute kommen auch Leute, die gratulieren wollen: Claudia Kretschmer, die die ESB an der Kirchhellener Straße leitet, ist auf den Tag genau seit 25 Jahren dabei. Und alle, die ihr jemals begegnet sind, sind sich einig: Sie ist Sozialarbeiterin aus Leidenschaft. Für die 58-Jährige ist die Hilfe für Menschen in Not kein „normaler“ Job, für sie ist es Berufung.

Das spüren auch diejenigen, die regelmäßig kommen, für viele von ihnen ist die ESB nicht nur Anlauf- und Beratungsstelle, für viele ist es auch ein „Ersatz-Zuhause“. Hier wird ihnen nicht nur geholfen, hier können sie sich auch Frust oder Freude von der Seele reden – manchmal können sie das nur hier. Es liegt vor allem an der Unvoreingenommenheit, an der Warmherzigkeit und auch an der Fröhlichkeit- ausstrahlenden-Art, mit der Claudia Kretschmer und ihr gesamtes Team den in Not Geratenen begegnen.

Das Ruhrgebiet und die Bergleute

Dass sie Sozialarbeit studieren wollte, habe sie schon mit 15 gewusst, erzählt sie. Im Geschichtsunterricht sei bei ihr das Gefühl für soziale Fragen wach geworden. „Da ging es um die Geschichte des Ruhrgebiets und die der Bergleute. Auch früher gab es ja schon Wohnungsnot“, sagt Claudia Kretschmer, die selbst auch in einer Bergarbeiterfamilie in Gelsenkirchen-Buer in aufwuchs.

In die ESB kam sie über eine ABM, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beim Sozialamt, aus der eine feste Stelle wurde – bis der damalige Diakonie-Pfarrer Hermann Schneider sie fragte, ob sie nicht zur ESB kommen wolle. „Da hatte ich das Gefühl: Ich bin angekommen, ich stehe auf der richtigen Seite.“ Die richtige Seite, das bedeutet für Claudia Kretschmer Sprachrohr sein für die Menschen, für die sonst kaum jemand das Wort ergreift.

Es liegt nun ein Vierteljahrhundert zurück. „25 Jahre bei der ESB, das ist ja auch ein Anlass nachzudenken was damals war, und was heute ist“, sagt Claudia Kretschmer und lächelt dazu ihr typisches, fröhliches Lächeln. Damals, Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, seien es hauptsächlich „Durchwanderer“ gewesen, denen die ESB geholfen habe. „Wir haben sie mit Schlafsäcken versorgt, haben zugesehen, dass sie ihr Tagesgeld bekamen und wir haben versucht, sie ,sesshaft’ zu machen, wie man das früher nannte.“ „Durchwanderer“ allerdings gebe es heute kaum noch in Bottrop. „Das liegt auch daran, dass das Netz für die ambulante Hilfe in den Städten dichter geworden ist.“

Eine Jubiläumsfeier auf Schalke

Heute kämen überwiegend Bottroper Bürger in die ESB, die in Wohnungsnot oder von Obdachlosigkeit bedroht seien. Ihre Probleme seien komplexer geworden, weiß Claudia Kretschmer aus ihrer 25-jährigen Erfahrung. Neben der Wohnungsnot kämen oft andere Probleme hinzu, Alkohol, Drogen, psychische Probleme oder gesundheitliche. „Es ist schwieriger geworden, Antworten zu finden.“ Hilfe – das funktioniert längst nicht mehr nur mit einem Gespräch. Hilfe, sagt sie, das sei meist ein langer Prozess.

Noch etwas habe sich verändert: „Zu uns kommen mehr junge Erwachsene, bei denen das ,Zuhause’ das Problem ist.“ Und: „Der Frauenanteil hat zugenommen.“

Richtig gut funktioniere inzwischen die Zusammenarbeit mit den Ämtern. Auch deshalb arbeite sie gern in Bottrop. „ Man merkt, dass Bottrop Bergbau-Stadt ist. Hier gibt es noch ein Gefühl für Solidarität.“ Das spüre sie vor allem an der starken Unterstützung für die Suppenküche Kolüsch.

An diesem Freitag jedoch wird nicht nur gearbeitet, es wird auch gefeiert – mit Brötchen für alle, die zur Klientel der ESB gehören. Und dann gibt es noch ein ganz besonderes Jubiläum: Claudia Kretschmer wird es mit einem ihrer Schützlinge feiern, einem Bottroper, der seit der ersten Stunde von der ESB unterstützt wird. Weil er ein „großer Schalke-Fan“ ist, hat sie sich zwei Karten für das Spiel Schalke gegen Bayern München besorgen lassen, „als gemeinsames persönliches Jubiläum“. Selbst beim Feiern vergisst sie ihre Leute nicht.

 
 

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