Schwerer Abschied von Engeln und Altären

Anfang Januar 1967: Die Kirche ist leer aber wieder standfest. Von Engeln und Altären keine Spur mehr. Auch die eisernen Zuganker, die das Gewölbe vor Bergschäden schützten sollten, sind nun verschwunden. Der neue Altar steht ungefähr dort, wo  vorher die Kommunionbänke den Abschluss des Chorraums bildeten. Im Chor befindet sich heute ein geschnitztes spätgotisches Altarretabel des frühen 16. Jahrhunderts
Anfang Januar 1967: Die Kirche ist leer aber wieder standfest. Von Engeln und Altären keine Spur mehr. Auch die eisernen Zuganker, die das Gewölbe vor Bergschäden schützten sollten, sind nun verschwunden. Der neue Altar steht ungefähr dort, wo vorher die Kommunionbänke den Abschluss des Chorraums bildeten. Im Chor befindet sich heute ein geschnitztes spätgotisches Altarretabel des frühen 16. Jahrhunderts
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
  • Abriss der St. Cyriakus-Kirche war schon beschlossene Sache
  • Dann wurde die Kirche 1966 umfassend renoviert
  • Beginn einer neuen Zeit, die Ausstattung änderte sich

Bottrop..  Die große Restaurierung und der Umbau der Kirche St. Cyriakus vor 50 Jahren markiert in gewisser Weise auch den Beginn einer neuen Zeit. Nicht nur, dass das Gebäude selbst - damals gerade ein Jahrhundert alt - zur Disposition steht. Auch die Formen - angefangen von Ausstattung, Gewändern, bis hin zur Liturgie selbst, die gut 400 Jahre mehr oder weniger unverändert gefeiert worden war, ändern sich so rasant wie wohl kaum jemals zuvor in der katholischen Kirche. Es ist die Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil.

Der Bottroper Katholik Josef Bucksteeg, zunächst in städtischem Dienst, später Leiter des Katholischen Stadthauses, erlebte diese Zeit - und natürlich auch den Umbau seiner Heimatpfarrkirche - hautnah mit. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie Kirche sich zwischen 1955 und 1975 gewandelt hat“, so der heute 80-Jährige. Denn die äußere Veränderung spiegele ja auch ein anderes Verständnis von Kirche und sicher zu einem gewissen Grad auch eine Verschiebung der theologischen Schwerpunkte wider.

Kirchbau war Sicherheitsrisiko

Nicht nur die Studentenbewegung kurz darauf will weg vom „Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren. Auch die katholische Kirche will mal „so richtig durchlüften“, erinnert sich Bucksteeg - sicherlich das berühmte Wort von Papst Johannes XXIII. von den Fenstern der Kirche, die aufgestoßen werden sollten, im Hinterkopf.

Damals diskutiert man zunächst in der Propstei-Pfarre den Abriss der alten neugotischen Kirche von 1861. Bergschäden hatten das Gebäude zum Sicherheitsrisiko gemacht. Der Abriss ist schon beschlossen, ein Neubau in der Mitte des heutigen Kirchplatzes - oder sogar an andere Stelle - schon angedacht, als man sich unter Propst Josef Keul (seit 1963 im Amt) dann doch für eine Kehrtwende und die umfassende Renovierung entscheidet. 1964 heißt es dann: „St. Cyriakus wird nicht abgerissen!“ - sondern die Pfarre mit Hilfe des Bistums und des Bergbaus (der ja wesentliche Schäden mit zu verantworten hat) wird renoviert. 1966 ist es soweit. Die Kirche wird geschlossen, der Saal im alten Kolpinghaus zur Notkirche.

Mauern, Gewölbe, Untergrund: Alles soll wieder ins Lot gebracht werden. Am Ende der Sicherungs- und Sanierungsarbeiten ist die Kirche erst einmal - nackt. Was die Renovierung der späten 20er Jahre von der neugotischen Ausstattung übrig gelassen hat, fliegt raus. Bänke, Beichtstühle, Kanzel. Der monumentale Baldachin-Altar, die in Mosaik-Technik gearbeiteten Seitenaltäre und vor allem die riesigen Malereien mit dem Themen „Christus König“ und „Engel“ aus den 20er Jahren, die Wände und Gewölbe überziehen - siehe mittleres Foto rechts - verschwinden. „Für viele war es ein Schock, man war in der festgefügten Theologie, Engel- und Heiligenkult oder der ehrfürchtig-anbetenden Sakramentsfrömmigkeit aufgewachsen, das spiegelte sich in der alten Ausstattung“, sagt Josef Bucksteeg. Ebenso, wie der Gottesdienstbesuch. Etwa 50 Prozent von 7300 Gemeindemitgliedern besucht vor 50 Jahren regelmäßig die Messe.

Als Essens Bischof Franz Hengsbach 1967 den neuen Alter weiht, wundern sich viele über den leeren Altarraum. Nach und nach kehrten einige Kunstwerke zurück - so das Altarretabel aus dem 16. Jahrhundert, das man bereits 1862 erwirbt - aber 100 Jahre im hinteren Teil der Kirche „versteckt“ hält.

Siedlungsschichten aus 1000 Jahren

Im Oktober 1966 hatte Arno Heinrich nicht viel Zeit. Genau zehn Tage blieben dem Gründer des Museums für Ur- und Ortgeschichte und seinem Mitstreiter Gerd Hönes, um die verschiedenen Bodenschichten der Cyriakus-Kirche zu untersuchen. Dabei stieß er nicht nur auf die Fundamente der alten Kirche, an deren Stelle 1861 der heutige neugotische Bau trat.

Auch Alltagsgegenstände, wie Glas- und Steingutreste, Nägel und eine Brandgrube traten zu Tage. „Dabei handelte es sich wohl um die Grube, in der die alte Cyriakus-Glocke im späten Mittelalter gegossen wurde“, so Heimatforscher Josef Bucksteeg.

Anhand der Fundamente konnte Heinrich die Entstehungsgeschichte der alten Kirche nachvollziehen, wie die WAZ am 11. Oktober 1966 berichtet. Die erste Kapelle aus dem 12. Jahrhundert war ein Rundbau, der mehrfach erweitert wurde - so im 15. Jahrhundert, im späten 16. Jahrhundert um ein Langhaus und zuletzt im 18. Jahrhundert durch Querschiffe und Emporen.

Teile des Steinfußbodens dieser Kirche entdeckten Heinrich und Hönes gut einen Meter unter dem damaligen Niveau. Aber auch zahlreiche Knochenfunde traten zu Tage, denn Turmumfeld und Kirchhof dienten bis ins frühe 19. Jahrhundert als Begräbnisort.

Die Funde wurden kurze Zeit später vom Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Münster untersucht. Die ergaben, laut WAZ vom Dezember 1966, dass die Stücke dem 8. bis 12. Jahrhundert zuzuordnen sind. Demnach reicht die Bottroper Siedlungsgeschichte noch vor die Errichtung der ersten Cyriakuskirche (1150) zurück.

 

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