Mit einem Finger gucken, mit dreien schieben

Simon Janatzek (l.) unterricht den iPhone-Kurs, den der Blindenverein in Bottrop organisiert hat.
Simon Janatzek (l.) unterricht den iPhone-Kurs, den der Blindenverein in Bottrop organisiert hat.
Foto: W. Labus / FUNKE Foto Services
Blinde und Sehbehinderte lernen in einem Kurs, das iPhone zu bedienen. Der Blindenverein organisiert die Schulung bei einem Dipl.-Pädagogen aus Herne.

Bottrop.  „Gucken heißt immer ein Finger“, mahnt Simon Janatzek die Kursteilnehmer. Die tragen alle einen Kopfhörer und tasten sich vorsichtig über das Display ihres iPads. „Wir gehen jetzt auf Einstellungen und klicken dann auf Allgemein“, erklärt der Kursleiter. Die zwei Frauen und vier Männer vor ihm im Schulungsraum des Zentrums für Integration und Bildung (ZIB) am Hauptbahnhof sind blind oder stark sehgeschädigt, so wie der Kursleiter auch. Und heute nehmen sie bei ihm an einem iPhone-Kurs teil.

Sieben Stunden dauerte der Unterricht, lange genug, um den Teilnehmern einen Überblick über die Funktionsweise des Telefons zu verschaffen. „Sie wissen dann, wie es geht, kennen aber noch nicht alle Einzelheiten. Vieles kommt dann durch die Übung“, beschreibt Simon Janatzek die Vorgehensweise. Die iPads stellt er den Kursteilnehmern zur Verfügung. Sie sind genauso aufgebaut wie die Handys, im Unterricht aber praktischer zu nutzen.

Die beste Sprachausgabe

Warum ein Gerät von Apple, der teuersten Marke? „Die haben die beste Sprachausgabe“, verrät der Dipl.-Pädagoge, der vor über zehn Jahren in Herne das Büro für barrierefreie Bildung gegründet hat und heute auch Schulungen und Seminare anbietet. Begleitet wird er von Jan Schiffel, der den Teilnehmer ab und an über die Schulter blickt und auf den richtigen Pfad bringt, wenn sie sich auf dem iPad verirrt haben.

Genauso brauchen Blinde auch zunächst einen Sehenden, der ihnen das neue Gerät auf die Sprachausgabe einstellt. Von da an sagt das iPhon seinem Nutzer an, was es gerade tut. „Es spricht mit mir“, nennt Simon Janatzek diese Form der technischen Kommunikation.

Organisiert hat den Kurs Werner Fries, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen (BSVW) in Bottrop. Seine Frau Elisabeth nimmt an dem Kurs teil. Alle sechs Teilnehmer sind Mitglieder des Vereins, nur zwei von ihnen sind noch unter 60. „Für uns ist das iPhone eine Möglichkeit, die neuen Medien und sozialen Netzwerke zu nutzen“, erklärt Fries, der selber den zweiten Kurs im Mai besuchen wird.

Ein Smartphone könne das Leben leichter machen, sei aber viel leichter zu bedienen als ein Computer, vor allem wenn die Nutzer schon älter sind, meint Fries. Er selber ist viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Da könnte eine App helfen, die Verspätungen ansagt oder Verlegungen auf andere Bahnsteige.

Surfen im Internet

„Erst neulich stand ich wieder am Busbahnhof in Bottrop“, erzählt er. Auf Schildern wurde angezeigt, dass sein Bus von einem anderen Bussteig abfährt. „Ich hätte noch lange da gestanden, wenn mir das nicht jemand gesagt hätte.“ Es können verschiedene, hilfreiche Apps heruntergeladen werden, aber auch Sprachnachrichten verschickt werden. Und natürlich steht den Besitzern dann auch die ganze Welt des Internets offen. „Ich habe schon Blinde erlebt, die das können und war ganz fasziniert“, hofft Werner Fries, das auch er die Bedienung des Smartphones erlernen wird.

Dem Kurs erklärt Simon Janatzek gerade: „Ein Finger ist der Guckfinger, drei Finger sind die Schiebefinger.“

 
 

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