Kathedrale aus halber Million Streichhölzer

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Foto: WR

Kirchhellen..  „Ein bisschen verrückt muss man dafür schon sein.“ Dietmar Urmes blickt lächelnd auf das ungewöhnliche Werk, das vor ihm auf einer Glasplatte thront: die Kathedrale von Chartres, Meisterwerk der Gotik, nachgebaut mit einer halben Million Streichhölzern.

Stolze 44 Jahre hat Urmes dafür gebraucht. „Aber mit langen Unterbrechungen“, schränkt er ein. „Schließlich hatte ich noch meinen Beruf als Lehrer und habe in den letzten Jahren eine Reihe von Büchern geschrieben.“

Es war ein verregneter 1. Mai im Jahr 1968, als Urmes die Idee für sein ungewöhnliches Projekt kam: „Damals habe ich noch Pfeife geraucht“, erinnert er sich, „und irgendwie kam es mir plötzlich sehr verschwenderisch vor, die Streichhölzer einfach wegzuwerfen.“ Als Kunstliebhaber sei ihm spontan die Eingebung gekommen, es mal mit dem Nachbau eines Bauwerks zu versuchen. „Blockhäuser oder Nachbildungen von Westminster und Big Ben gab es schon“, erzählt er, „daher habe ich mich für die Kathedrale in Chartres entschieden.“ Denn die Bischofskirche im Herzen Frankreichs vereint die ganze Bandbreite der gotischen Baukunst: begonnen 1194 in der Hochphase der Gotik, vollendet und offiziell geweiht im Jahr 1260, wobei der Nordturm der Westfassade erst viel später, nämlich 1513 endgültig fertig gestellt war und deutlich im Zeichen der französischen Spätgotik steht.

.„Ich habe mir das Original mehrfach vor Ort angesehen und für meinen Nachbau hauptsächlich Postkarten und einen Grundriss verwendet“, erläutert Urmes. Und in den Ecken, die auf keiner Postkarte zu sehen sind, habe er einfach selbst Fotos gemacht, fügt er hinzu. Es ist nicht zuletzt dieses Streben nach Detailtreue, die den Betrachter seiner Streichholzkathedrale staunen lässt: Die Figuren des prachtvollen Königsportals sind hier ebenso zu sehen wie die filigranen Muster des Maßwerkfensters. „Dafür musste ich die Streichhölzer nicht nur spalten und schneiden, sondern auch biegen, was vielleicht die größte Herausforderung war“, so Urmes. Für manche Konstruktionen habe er nur ein Zehntel eines Streichholzes benötigt. „Da kamen dann Stechbeitel und Rasiermesser zum Einsatz“, erklärt er. Nicht immer verlief diese Arbeit unblutig: „Einige ehrenvolle Narben sind übrig geblieben.“ Größere Unfälle hätten aber weder er selbst noch das Bauwerk zu beklagen gehabt.

Knapp eine Million Streichhölzer, schätzt Urmes, hat er im Laufe der Arbeit verbraucht, zusammengefügt hat er sie mit handelsüblichem Alleskleber. Seine Frau habe übrigens immer „sehr gelassen“ auf das Mammutprojekt ihres Mannes reagiert, ebenso die Kinder: „Beide sind mit dieser Arbeit groß geworden und haben sich ihren Respekt vor Kirchen im Allgemeinen und Streichhölzern bewahrt“, so Urmes. Lediglich der Enkelsohn habe einmal voller Tatendrang mitbasteln wollen. „Nach ein paar Streichhölzern hatte er allerdings keine Lust mehr“, erinnert sich der 72-Jährige schmunzelnd.

Pünktlich am 1. Mai, auf den Tag genau 44 Jahre nach Baubeginn, hat Urmes seine Streichholzkathedrale fertiggestellt. Besichtigt werden kann das Werk ab sofort im Kirchhellener Reisebüro in der Hauptstraße 45. Es gilt die bekannte Regel: Nur gucken, nicht anfassen.

 
 

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