Jecken feiern Rosenmontag ohne Zug

Der Absage zum Trotz: Der traditionelle Rathaussturm mit dem amtierenden Stadtprinzenpaar Nicolai I und Yanina I. fand wie gewohnt statt.
Der Absage zum Trotz: Der traditionelle Rathaussturm mit dem amtierenden Stadtprinzenpaar Nicolai I und Yanina I. fand wie gewohnt statt.
Foto: W. Labus / FUNKE Foto Services
Morgens entscheidet sich das Festkomitee wegen der Unwetterwarnung zur Absage. Noch unklar ist, ob der Umzug im Laufe des Jahres nachgeholt wird.

Bottrop..  Enttäuschung bei den Narren auf der Straße und im Festkomitee, um 9 Uhr fiel die Entscheidung, den Rosenmontagszug abzusagen. Zum ersten Mal seit 25 Jahren. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte für Bottrop eine Unwetterwarnung herausgegeben und vor Windböen der Stärke neun gewarnt. Das Sicherheitskonzept des Zuges sieht vor, dass es ab Windstärke acht – vorhergesagt vom DWD – zu gefährlich wird. Daraufhin zog das Festkomitee als Veranstalter nach Rücksprache mit Polizei und Feuerwehr die Konsequenzen, schließlich haften dessen Mitglieder, wenn etwas passiert.

Viele Jecken entlang der Strecke haben – bei aller Enttäuschung, dafür Verständnis. „Sicherheit geht vor“, hört man im Gespräch fast häufiger als den obligatorischen Schlachtruf „Bottrop Helau!“ Es gibt aber auch andere Meinungen, zumal es während der eigentlich geplanten Zeit des Zuges verhältnismäßig windstill war, zwischenzeitlich gar die Sonne schien. Die Folge: Unverständnis und Kopfschütteln bei Manchen ob der Entscheidung. Andere wiederum feierten unverdrossen - vor und im ausverkauften Rathaus sowie in den Kneipen der Stadt.

Traurige Gesichter auch bei Familie Klaue-Konietzni, wollten sie doch eigentlich den Rosenmontagszug genießen. Stilecht verkleidet warten sie vor dem Rathaus und fragen: „Kann man so einen Zug eigentlich nachholen? Gute Frage, denn selbstverständlich hatte sich auch das Prinzenpaar „seinen“ Tag anders vorgestellt. Als Höhepunkt der Session wollten Nicolai I. und Yanina I. durch die Straße rollen. „Wenn der Zug nicht nachgeholt wird, fahren wir nächstes Jahr mit“, kündigt der Prinz dann auch schon an.

„Wir haben ein Sicherheitskonzept, dahinter können wir nicht zurück“, sagt Marc-André Czysch. Der Vorsitzende des Festkomitees blickte aus dem Rathaus, wo die traditionelle große Party stieg, in den zuweilen blauen Himmel. Aber das habe man nicht ahnen können. Ob der Zug nachgeholt werden soll oder nicht - darüber gehen die Meinungen auseinander. Czysch: „Karneval ist für mich vom 11. 11. bis Aschermittwoch, dazwischen nicht. Claudia Adams, mit Hans-Günter Schuh ebenfalls im Festkomitee, sieht das etwas anders. „Wir sollten überlegen, ob der Zug nicht im Sommer zieht, das wäre zwar ungewöhnlich, aber warum nicht...“. Oberbürgermeister Bernd Tischler mischte sich auch in die Menge vor dem Rathaus. Dass in seinem Hansa-Center-Nothilfekoffer nur Schokolade war, enttäuschte sicher einige der Jugendlichen. Aber: Bottrop kann feiern, mit oder ohne Zug und Stoff.

Die Jecken stürmen das Rathaus – mit Erfolg

Viel Widerstand leistete der Oberbürgermeister am Rosenmonat nicht, als Nicolai I. und Yanina I. für die Narren die Macht im Rathaus übernehmen wollten. Stattdessen übertrug er ihnen die Aufgabe, das Rathaus zu „sanieren“. Ein durchaus doppeldeutiger Auftrag, steht doch zum einen dem Gebäude tatsächlich eine umfassende Sanierung bevor, zum anderen bleibt die Baustelle Finanzen.

Tischler selbst will sich dagegen als Handwerker ums Hansa Center kümmern. Einen entsprechend beschrifteten Werkzeugkoffer hat er sich unter den Arm geklemmt.

Rund ums Rathaus wurde deutlich: Die Narren brauchen nicht unbedingt einen Zug, um Karneval zu feiern. Obwohl: Schöner wäre es schon. So ist Henri ein wenig enttäuscht. Zweieinhalb Jahre ist er alt, sein erster Rosenmontagszug hätte es werden sollen und sein Vater hatte ihm Kamelle versprochen. Die Narren auf dem Rathausplatz hatten ein Einsehen – und volle Taschen. Also durfte sich der kleine Tiger einmal in den Bonbonregen stellen – und strahlte entsprechend.

Auf dem Platz schallte Partymusik, wenn die eigentlich angekündigte Feier auch ausfiel. Eine Gruppe hatte Musik auf Rädern dabei, auf dem Rathausbalkon standen Boxen, die die Partymusik von „Trallafitti“ nach draußen übertrug.

Entsprechend war die Stimmung. Und geschunkelt wurde dann nicht nur im Rathaus, sondern auch in der Menge davor. Im historischen Ratssaal waren die Kostümierten eindeutig in der Mehrzahl. Bürgermeister Strehl und Bezirksbürgermeister Kalthoff gaben sich ritterlich. Monika Budke überraschte mit fantasievollem Farbgewitter - und konnte sich auch hinter dunkler Brille nicht wirklich verstecken, während Ratsherr Stefan Krix an seinem Dreispitz nestelte. Klar, das Thema Zugabsage hing stets in der Luft, drückte aber nicht auf die Stimmung.

Kleiner Zug mit Bollerwagen

Ex-Prinzessin Anneliese Schürmann - übrigens im wundervoll farblich abgestimmten Fantasiekostüm - tat das amtierende Stadtprinzenpaar leid. Eigentlich sollte es im Sommer einen tollen bunten Zug geben - so ihr Fazit nach dem durchwachsenen Rosenmontag.

Die Plattdütschen jedoch trotzten Wind und Wetter - und zogen mit Bollerwagen und Helau durch die Stadt und über die Kirmes.

Narren feiern in ihren Stammkneipen

Mit einem Frühschoppen in der Hand und jeder Menge guter Laune feierten die Jecken den Rosenmontag in den Bottroper Kneipen. Trotz des Zugausfalls ließen sich die feierwütigen Karnevalisten nicht abschrecken: Sie sangen, tanzten, lachten und schunkelten, dass so manche Kneipe schon früh am Tag deutlich mehr zu tun hatte als gewöhnlich. Ob Schäfer, Hürter, Passmanns, Cottage, die Rathausschänke oder andere der hiesigen Wirtschaften – überall füllten sich die Stühle rund um die Theken. Besucher freuten sich über eine Feier-Möglichkeit, Besitzer über gute Umsätze und Karnevalsgruppen über das notwendige Trostgetränk.

Kneipengänger und Wirte zufrieden

„Ich hätte mir den Zug auf jeden Fall angeschaut, aber ich bin auch nicht traurig, dass er nun ausfällt. Im Schäfer ist heute mehr los. Wir feiern weiter – ohne Hemmungen“, sagt Maximilian Fischedick (27) gut gelaunt. Der Kneipengänger wusste, die „Klopfer“ stehen bereit und die nächste Runde wartet.

„Auf den Straßen ist weniger los, aber hier ist es schon brechend voll. Ich hoffe, dass es so bleibt. Ich bin gerade nach Bottrop gezogen. Schade, dass ich den Zug heute nicht sehen kann, aber es geht auch so“, stellt Hermann Lanfermann klar. Der 26-Jährige war als Pilot verkleidet, hielt aber ein Bier in der Hand statt einer Fluglizenz.

Auch der Bottroper DJ Frank Tomiczek (49), „Da Hool“, wollte auf den Zug. Er betont: „Ich lass mir die Stimmung nicht vermiesen. Ich frage mich nur, warum der Zug bei dem schönen Wetter ausgefallen ist. Wir haben derzeit Sonnenschein, die Leute feiern auf dem Rathausplatz wie gewohnt.“

Die Gastwirte konnten die Perspektive des Bottroper Festkomitees Karneval nachvollziehen. Sie waren dennoch froh über den Kundenandrang. „Ich finde es in Ordnung, dass der Zug abgesagt wurde. Es ist bedauerlich für die Leute, aber Sicherheit geht vor. Es war die richtige Entscheidung“, sagt Abdelkader Hamadi, Inhaber des Schäfer. „Die gute Alternative ist dann nun einmal für viele Bottroper die Stammkneipe. Der Ausfall ist für mich und die anderen Kneipen bestimmt kein Nachteil, wir haben mindestens genauso viele Besucher wie im letzten Jahr“, ergänzt er.

Ramona Fleer, Inhaberin der Gaststätte Hürter auf der Gladbecker Straße, erläutert: „Bedauerlich, dass der Umzug abgesagt werden musste, aber gegen das Wetter kann man nichts machen. Bei uns ist es heute – wie die letzten Jahre – voll, es tut der guten Stimmung keinen Abbruch.“

Trostgetränke für Fußgruppen

Nur die Karnevalsvereine und -gesellschaften hatten einen anderen Blick auf das Geschehen: Eine elfköpfige Gruppe der RAG fand sich in „Arbeitsuniform“ in der Rathausschänke ein. Gabi Bäcker (55) schildert: „Es ist einfach nur traurig, dass der Zug ausfallen musste. Wir haben uns sehr auf den Lauf gefreut. Wir mussten unseren Wagen erstmal in Sicherheit bringen. Ich wünsche mir, dass die Stadt einen Nachholtermin findet. Wir sind jetzt seit einer Stunde hier und trinken ein gemütliches ‘Trostbier’. Unsere Stimmung ist zwar noch relativ gut, aber schon etwas getrübt. Uns wird es nicht alleine so gehen.“

Wer morgens die Essener Straße entlang ging, dort, wo normalerweise der Zug startet und sich erste große Menschentrauben in Richtung Peterstraße bilden, war enttäuscht. Es herrschte gähnende Leere. Ein einsamer Pirat trank einen Schluck auf seinem Balkon, einige Familien zog es mit ihren kostümierten Kindern wieder in die Häuser zurück. Dabei hätte es eine richtige Straßenparty geben können, denn die Absperrungen standen noch; der Autoverkehr war so gleich Null.

Ausweichmöglichkeit Kirmes: Mangels Zug wollten viele Eltern mit ihren Kindern zu den Fahrgeschäften und Süßigkeitenbuden. Die größeren Fahrgeschäfte hatten aber wegen der Sturmwarnung ebenfalls ihren Betrieb eingestellt. So blieben nur die kleinen Vergnügen. Es gab eine kleine Nascherei oder eine leckere Bratwurst. Zwischenzeitlich prasselte der angekündigte Regen, da blieb natürlich auch der Rummel weit weniger rummmelig, als in früheren Jahren.

Kleine Dinosaurier, Piraten und Ungeheuer schossen dennoch auf Sterne, angelten Enten und zogen Lose. So mancher lief mit dem gewonnen Stofftier weiter.

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