Grenzgänger zwischen Jazz und Neuer Musik

Klarinettist Theo Jörgensmann im Duett mit Pianist Bernd Köppen.
Klarinettist Theo Jörgensmann im Duett mit Pianist Bernd Köppen.
Foto: Peggy Mendel

Bottrop..  Große Musiker, große Musik, großes Können als Grenzgängertum zwischen Jazz, freier Improvisation und Neuer Musik: Der Klarinettist Theo Jörgensmann, Jahrgang 1948, gebürtiger Bottroper, inzwischen in Mecklenburg-Vorpommern lebend, hatte zu seinem Auftritt im (leider nur halbgefüllten) Kammermusiksaal das Freedom Quartett eingeladen, bestehend aus dem Geiger und Bratscher Albrecht Maurer, dem Bassisten Christian Ramond und dem Gitarristen Hagen Stüdemann.

Große, „einsame“ Kunst

Und er holte eine Pianisten-Legende nach Bottrop. Denn Bernd Köppen aus Wuppertal, mit dem Jörgensmann vor Jahren schon eng zusammen arbeitete, sucht sich seine Musikpartner sehr sorgfältig aus. Jörgensmann und Köppen begeben sich schon nach Sekunden auf eine Improvisationsspur zwischen fiebrigem Tasten nach Ungehörtem und Stillleben-Klang. Das Duo erobert eine atemberaubende Landschaft mit Zacken und Wucherungen, Anstieg und Absturz – spannend ausgebreitetes, jazziges „feeling“ mit Anleihen bei Cage, Monk, Schnebel, Messiaen (Vogelrufe) oder Zimmermann. Jörgensmann, Kulturpreisträger der Stadt Bottrop (1991), verbindet vielstilistisch Folklore und Klassik (auch klassische Harmonien, tänzerische Momente klingen an) mit Jazz verschiedenster Farbigkeit zu einer neuen Einheit – man rechnet ihn zu den Gründern des „Modern Creative Stil“. Er und seine Podiumspartner suchen ständig nach neuem Ausdruck, nach exzessiver Dichte und hochemotionaler Intimität. Das steigert sich bis zur Hysterie, um wieder zu verdämmern in ein „bluesiges“ Glimmen.

Maurer, Ramond und Stüdemann erschaffen zusammen mit dem international gefeierten Klarinettisten, der mit Eckard Koltermann vor gut 25 Jahren eine Jazzrenaissance für dieses Instrument einleitete, die Welt neu – aus dem Ursumpf der dumpfen Töne entsteht die Vision eines komplexen Klanggeheimnisses. Die Musiker verlassen endgültig alles Triviale und Konventionelle, um vorzustoßen in eine Lichter-und-Schatten-Symbiose, die unmittelbar packt. Das ist keine Gefälligkeitsmusik, keine Anbiederung an irgendwelche Geschmäcker. Jörgensmann und Co., auch an diesem Abend in verschiedenen Konstellationen zu hören, gehen ihren eigenen Weg. Wahrheitsvermittelnd. Das ist ganz große, vielleicht sogar „einsame“ Kunst. Vierteltöne, Orientalisches, Experiment, improvisierte Frage-Antwort-Spiele sorgen für Pointen und Ungekanntes.

Natürlich gaben die fünf Jazzer noch eine Zugabe. Nachdem sie bereits Blumen als Dank in die Hand gedrückt bekommen hatten, kalauerte Geiger Maurer mit dem Hindemith-Namen: „Wohin de mit?“ Beifall war ihm auch dafür sicher.

 
 

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