Für eine Synagoge war die Gemeinde zu arm

Stadtarchivarin Heike Biskup
Stadtarchivarin Heike Biskup
Foto: Winfried Labus/WAZ-FotoPool
Eine Gedenktafel für das frühere jüdische Bethaus an der Tourneaustrae, die die Stadt vor einigen Jahren anfertigen ließ, wurde bis heute nicht angebracht, obwohl es eine dahin gehende Vereinbarung mit dem damaligen Bauherrn gab.

Die Bottroper jüdische Gemeinde war nie sehr groß. Ihre Höchstzahl erreichte sie mit 225 Mitgliedern. Das war 1932, ein Jahr bevor die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen. Für eine richtige Synagoge war die Gemeinde zu arm. Zum feierlichen Gottesdienst fuhren die Bottroper Juden in die Synagogen nach Essen oder Buer.

Aber seit Beginn der 1920er Jahre trafen sich - überwiegend die Männer - zum Gebet in einem kleinen Raum an der heutigen Tourneau-, der früheren Helenenstraße. Bis zur sogenannten „Reichskristallnacht“, dem bis dahin größten Gewalt- und Zerstörungsakt gegen jüdische Menschen aber auch deren Eigentum und Einrichtungen 1938, gab es nicht nur zahlreiche Geschäfte jüdischer Mitbürger sondern auch einen Betsaal. In diesem etwa 50 Personen fassenden Raum befand sich in einem abgetrennten Bereich ein Tisch auf dem die Thorarollen während des Gottesdienstes lagen, ein Schrank als Aufbewahrungsort für die Schriftrollen sowie ein Tisch für Kantor und Vorbeter.

Daran erinnerten sich Oskar und Jenny Kleinberger, Nachfahren der Besitzer des gleichnamigen ehemaligen Möbelhauses am Pferdemarkt bei einem Besuch, den sie 1989 ihrer Geburtsstadt abstatteten.

An den alten Betsaal erinnert allerdings heute nichts mehr. Noch nicht einmal eine Gedenktafel. Bis der Komplex 2007 abgerissen wurde, gab es immerhin eine Bronzetafel, die nicht nur die Erinnerung an das alte Bethaus, sondern an das Schicksal, die Verfolgung und den Tod der Bottroper Juden wachhielt.

Eine aktualisierte Tafel ließ die Stadt nach dem Abriss des alten Baus anfertigen - mit der Zusage des Bauherren Heinrich Jockenhöfer, die Tafel nach Fertigstellung der neuen Häuser entweder an der Fassade oder im Vorgarten auf Kosten der Stadt anbringen zu lassen.

Bis heute hütet Hermann Brauckmann - einer der neuen Eigentümer - die Tafel, wie die WAZ auf Nachfrage erfuhr. Dort liegt sie heute noch, denn die Eigentümergemeinschaft konnte sich bis jetzt weder auf einen Zeitpunkt noch auf einen Ort für die Tafel einigen. So ist die Tourneaustraße heute wieder ein weißer Fleck auf der Landkarte der historischen Erinnerung der Stadt.

Erste Gedenktafel vor 14 Jahren eingeweiht

Besser spät als nie: Manch einem Bottroper mag der damalige Landesrabbiner Henry Brandt aus dem Herzen gesprochen haben, als er bei der Enthüllung der Gedenktafel für das frühere jüdische Bethaus an der Tourneaustraße im Januar 2014 von einem späten „Zeichen für das schlimme Schicksal der jüdischen Bürger“ sprach.

Auch der damalige Oberbürgermeister Ernst Löchelt bedauerte vor 14 Jahren, dass bislang nichts mehr an den früheren Betraum erinnerte, der immerhin seit den frühen 1920er Jahren bis zur Verwüstung durch die Nationalsozialisten in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 den damals gut 200 jüdischen Mitbürgern als Gottesdienstraum diente. Die Gedenktafel war damals auf Anregung einer Klasse der Marie-Curie-Realschule angefertigt worden, die sich mit der Geschichte der Bottroper Juden auseinandergesetzt hatte.

„Auch heute kommen noch immer zahlreich Schulklassen in die Tourneaustraße, um wenigstens den Ort zu sehen, an dem das Bethaus stand“, sagt Anwohnerin Rita Brauckmann auf Anfrage der WAZ. Sie und ihr Mann befürworten die Anbringung der neuen Gedenktafel, die die Stadt bereits vor einigen Jahren in Auftrag gab - und bezahlte. Im Gegensatz zur alten, dafür eingeschmolzenen, Tafel enthält sie nun zusätzlich den Verweis auf den Abbruch des alten Gebäudes.

 
 

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