Ein Jahrzehnt auf der Platte

Foto: Birgit Schweizer / WAZ FotoPool
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Bottrop..  Heute gibt es Bockwurst mit Erbsensuppe. Genüsslich lässt sich Heinrich Gietmann das Gericht in der Suppenküche Kolüsch am Unterberg schmecken. Pünktlich zum Nikolaustag serviert die Evangelische Sozialberatung Bottrop Wohnungslosen und Armen bis zum 16. März 2012 täglich eine warme Mahlzeit.

„Jeden Tag kommen zwischen 80 bis 100 Menschen“, sagt Wolfgang Kutta. Vor 19 Jahren hat der Sozialarbeiter mit seiner Kollegin Claudia Kretschmer die Suppenküche gegründet. Von Mund zu mund ging unter den Hilfsbedürftigen die Nachricht, dass es diese Einrichtung gibt. „Mit Spenden von Bürgern werden wir unterstützt, aber wir haben inzwischen ja auch einige Stammgäste“, sagt Kutta.

Einer von ihnen ist Heinrich Gietmann. Seit 1992 stärkt er sich dort in den Wintermonaten. „Zehn Jahre habe ich mit meiner Frau auf der Platte gelebt“, sagt der 58-Jährige. Auf der Platte - so nennen Wohnungslose das Leben auf der Straße.

Sehnsucht nach Bottrop

Gietmann stammt ursprünglich aus Kranenburg nahe der holländischen Grenze. Lange Zeit wohnte er mit seiner Frau in Mülheim an der Ruhr. Doch sie hatte Sehnsucht nach Bottrop - ihrer Heimatstadt. Wie seine Frau versuchte auch Heinrich Gietmann vergeblich, eine feste Arbeitsstelle zu finden. Dabei habe er zahlreiche Berufe ausgeübt. „Ich war mal Landschaftsgärtner oder beim Straßenbau.“

Statt Anstellung gab es nur sozialen Absturz. Das Paar lebte ohne ein Dach über dem Kopf - zu jeder Jahreszeit. Für die meisten Menschen kaum vorstellbar. „Eine harte Zeit - da wird man zum Überlebenskünstler“, sagt Gietmann mit Blick auf sein Leben.

Doch dann meinte es das Schicksal gut mit ihnen. „Zufällig lernten wir eine Geschäftsfrau kennen. Sie war sehr hilfsbereit.“ Sie verschaffte den beiden den Kontakt zu einer örtlichen Wohnungsgesellschaft. Wenig später hielt das Ehepaar den Schlüssel zur eigenen Wohnung im Stadtteil Eigen in den Händen. „Noch heute bin ich der Frau dankbar“, sagt Gietmann. Eine gute und selbstlose Tat sei das gewesen. Allerdings erlitt er kurz darauf einen schweren Schicksalsschlag - seine Frau starb.

Gleichwohl musste sein Leben weitergehen. In der Wohnung lebt der Hartz-IV-Empfänger noch heute. „Aus gesundheitlichen Gründen bekomme ich keine Anstellung mehr“, sagt er. Das habe ihm eine Jobvermittlerin vom Arbeitsamt gesagt, als sie in seine Krankenakte sah. Dort hat das Leben als Obdachloser Spuren hinterlassen.

 
 

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