Ein fragendes Zwischenspiel

Hans Jörg Loskill
60 Jahre Kammerorchester Bottrop: Im Kammerkonzertsaal gaben Dirigent Kai Röhrig und sein Ensemble ein eindrucksvolles Festkonzert.  Foto: Heinrich Jung WAZFotoPool
60 Jahre Kammerorchester Bottrop: Im Kammerkonzertsaal gaben Dirigent Kai Röhrig und sein Ensemble ein eindrucksvolles Festkonzert. Foto: Heinrich Jung WAZFotoPool
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Bottrop.  Wie feiert man den eigenen Geburtstag, wenn es sich um ein Musikensemble handelt? Das Bottroper Kammerorchester gab ein Festkonzert zu seinem 60-jährigen Bestehen.

Das inspirierte Dirigent Kai Röhrig zu einem Programm, in dem das philosophische Spiel um Frage und Antwort im Zentrum stand. Fast alle Werke des Festkonzertes in der fast ausverkauften Kammermusikaula waren diesem Denk- und Strukturprinzip untergeordnet.

Das erste Werk des gefeierten Abends, in dem auch der Dank des Publikums an „sein“ Orchester und dessen erfolgreiche Arbeit in den vergangenen Jahren anklang, gehört zu den Schlüsselkompositionen des 20. Jahrhunderts: Charles Ives’ „The unanswered Question“ (Die unbeantwortete Frage, 1906), ein ebenso rätselhaftes und geheimnisvolles wie bezwingendes und „schönes“ Stück. Die raffinierte Idee Röhrigs: Er stellte nur das Bottroper Flötenquartett (Beate Schmalbrock, Annette Berghorn, Christiane Heinz, Kathrin Höfels) auf das Podium, während Trompete (Flavius Petrescu) und Orchester „versteckt“ vom benachbarten Flur aus agierten. So wurde beim Raumklang-Erlebnis das Frage-Antwort-System sinnfällig gemacht. Von ferne hörte man die „klagenden“ Fragen - die quirlig-verqueren Antworten darauf aus der Nähe beunruhigten. Vorzüglich.

Samuel Barbers „Adagio für Streicher“ (1938), ein höchst expressives Stück über Trauer und Schmerz, aber auch über Stille und Versöhnung, gilt für jede Gruppe als starke Herausforderung. Röhrig, der die Kühnheit der Komposition betonte, formte den so stimmigen Satz zu einem verzeifelten „Memento mori“.

Gala-Finale

Wolfgang Rihms „Fantasia“ op. 4 (für Streicher und Klavier), die der Karlsruher Musikprofessor mit 18 Jahren schrieb, ist ein „typisches“ Jugendwerk - aggressiv, aufbrausend, frech, suchend, verwirrend, die Nacht(träume) besingend. Röhrig, seit zehn Jahrem am bko-Pult, konnte es als Uraufführung von der Universal Edition (Wien) nach Bottrop holen. Auch hier: aufwühlende Fragen.

Jörg Widmanns „Schubert-Reminiszenzen“ gewähren dem Solisten - der in Salzburg lebende Koreaner Eung-Gu Kim brillierte nicht nur bei diesen Befragungs-Stücken durch Tecnnik, Leichtigkeit und Intensität - dankbare Aufgaben zwischen Tradition und zeitgenössischer Tonsprache. Franz Schuberts Romantik bleibt hörbar, doch der 37-Jährige baut „Hürden“, chromatische Stolpersteine oder kantige Akkorde subjektiv ein.

Ohne Übergang ging es zum Gala-Finale über: Alfred Schnittkes Klavierkonzert (1979), ein fulminantes Klangabenteuer zwischen moderner Trivialität und Tschaikowsky-nahem Pathos garantierte dem bko und dem Pianisten ein spektakuläres, leidenschaftliches, aber eben auch „fragendes“ Zwiegespräch. Mächtiger Applaus dankte den Interpreten - vor allem dem fingerfertigen Eung-Gu Kim.

Die gern gewährte „Jubiläumszugabe“: Kim und Röhrig tauchten in die glatte, doch zuweilen brüchige Walzerwelt, die Wolfgang Rihm aufleben lässt, im grandiosen Duo ein.

60 Jahre bko: Bitte auf diesem hohen Niveau mit interessantem Programmzuschnitt konsequent und kontinuierlich weitermachen - und sich so ein „Unverzichtbar!“ für die Region und die Stadt erspielen.