Demenz: Türkische Nachbarn helfen

Zum Abschluss der Schulung zur Nachbarschaftshilfe haben die Teilnehmerinnen mit einem großen Frühstück in Welheim gefeiert.
Zum Abschluss der Schulung zur Nachbarschaftshilfe haben die Teilnehmerinnen mit einem großen Frühstück in Welheim gefeiert.
Foto: WAZ FotoPool

Bottrop.  Oft spielt der kulturelle Hintergrund für den Umgang mit einem Kranken nicht die wichtigste Rolle. Aber es gibt Krankheiten, bei denen die Rücksicht auf die Herkunft für den Patienten enorm wichtig sein kann. Eine Demenzerkrankung gehört dazu. Und weil das dabei so bedeutsam ist, hat das Gesundheitsamt mit dem Demenz-Servicezentrum, Region Westliches Ruhrgebiet, der Knappschaft und dem DRK zum ersten Mal eine besondere Hilfe angeboten: eine Schulung zur Nachbarschaftshilfe bei Demenz für Menschen mit Migrationshintergrund.

Begrüßungsritual und Musik

Insgesamt 13 türkische Frauen haben mitgemacht, um künftig an Demenz erkrankte Angehörige oder Nachbarn unterstützen zu können. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen mag, hat aber für die Betreuung der Erkrankten große Bedeutung. „Bei ihnen versuchen wir ja, in die Vergangenheit zurück zu gehen“, erklärt Inge Klein vom Demenz-Servicezentrum. Die Erkrankten erinnerten sich meist nur noch an die Kindheit, anderes gerate mehr und mehr in Vergessenheit. Aber eine Kindheit in der Türkei sieht aber mitunter ganz anders aus, als eine in Deutschland -- andere Gerüche, andere Kindheitsspeisen, andere Kinderlieder, andere Gebete, andere Rituale. Für deutsche Pflegekräfte oder Betreuer, die einen Weg finden müssen, noch vorhandene Erinnerungen zu bewahren, ein mitunter großes Problem.

„Wenn man aber die Rituale kennt, wenn man zum Beispiel weiß, dass Türken in der Türkei ihren Gästen bei der Begrüßung gern ein paar Tropfen Kölnisch Wasser in die Hand träufeln, dann kann man das bei den Erkrankten hier auch so machen“, erläutert Barbara Josfeld vom „Mobilen Demenzservice“ des Gesundheitsamtes Bottrop. Auf diese Weise könne der Zugang zu dem kranken Menschen erleichtert werden. „Oder die Musik – wir haben hier in der Schulung sehr viel der alten Lieder gesungen“, sagt Barbara Josfeld. Aber die Teilnehmerinnen hätten auch viel über die Entstehung und den Verlauf der Erkrankung erfahren, „und sie kennen jetzt die Hilfsangebote in Bottrop“, sagt die Expertin über die Inhalte der Schulung.

Die 42-jährige Sati Kayabasi jedenfalls fühlt sich nun viel besser gewappnet für den Umgang mit ihrem Demenz-kranken Vater. Er sei seit 42 Jahren in Bottrop, erzählt sie, und habe als Bergmann gearbeitet. „Mein Vater war ein sehr selbstständiger Mann und hat niemals Hilfe von anderen Menschen in Anspruch genommen. Aber plötzlich ist alles anders.“

Er habe nach und nach die deutsche Sprache vergessen. „Wir müssen uns jetzt seine Kindheit vergegenwärtigen“, sagt die junge Frau, die selbst in Bottrop und nicht in der Türkei aufgewachsen ist. „Aber für diese Aufgabe fühle ich mich jetzt gestärkt. Und ich kann das alles meiner Mutter weitergeben.“ Das sei für die ganze Familie eine wertvolle Hilfe. „Ich bin dankbar dafür, dass ich hier mitmachen durfte“, sagt sie.

 
 

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