Bottroperin hilft bosnischen Frauen

In ihrem Gartenhäuschen liest Amela Halilovic viel über Bosnien, dort schreibt sie auch an ihrem Buch, das von ihren Kriegs-Erlebnissen handelt.
In ihrem Gartenhäuschen liest Amela Halilovic viel über Bosnien, dort schreibt sie auch an ihrem Buch, das von ihren Kriegs-Erlebnissen handelt.
Foto: WAZ FotoPool
Amela Halilovic erlebte den Bosnienkrieg von 1992-1995 als Kind, ihre schrecklichen Erlebnisse lassen sie bis heute nicht los. Sie sagt: „Der Krieg lebt noch in uns, und wenn wir daran denken, erzittern wir.“

Der Bosnienkrieg ist längst vorbei, doch für die Menschen im heutigen Bosnien-Herzgowina, die ihn überlebten, ist er nicht zu Ende. „Er lebt noch in uns“, sagt Amela Halilovic. Die Menschen litten noch immer unter den Folgen der traumatischen Erlebnisse. Amela Halilovic hilft den geschundenen Frauen und ihren Kindern in Bosnien von Bottrop aus, die Erlebnisse und deren Folgen für die nächste Generation zu verarbeiten. Die 35-jährige Bottroperin sieht es als eine Art Auftrag an: „Weil ich als Kind miterlebt habe, was passiert ist.“ Auch sie hat all die Schrecken noch nicht verwunden. Sie ist gerade dabei, ein Buch darüber zu schreiben.

Erwachsen wurde die heute 35-Jährige an einem einzigen Tag. „Da war ich zehn Jahre alt.“ Der Krieg war längst in vollem Gang in Bosnien, er dauerte von 1992 bis 1995. Die Familie – die mit Zwillingen hochschwangere Mutter, Vater, die jüngere Schwester – war kurz vor diesem Tag aus dem Heimatort Bosanska Krupa (Bosanske Krupe) zu Verwandten in der Nähe geflohen. Der Vater kam zu Besuch, der Muslim kämpfte gegen die serbische Armee. „Er kam nach einem Monat zurück, völlig abgemagert“, erzählt Amela Halilovic. „Er saß mit meiner Mutter zusammen und erzählte, was die Serben den Muslimen angetan haben. Mich hatten sie weggeschickt, aber ich habe hinter der Tür gelauscht. Er sagte: ,Sie werden die Menschen hier töten, vor allem alle Kinder, sie sprechen von ethnischen Säuberungen.’ Mein Vater hat geweint, als er das sagte.“

Vier Stunden zu Fuß bis zur Schule

Die Familie blieb zunächst im Haus der Verwandten, zusammen mit fünf weiteren Flüchtlingsfamilien. Es war eine harte Zeit für Amela Halilovic, auch sie musste in der Bäckerei des Onkels arbeiten. Aber was schlimmer war: Sie wurde immerzu geschlagen, geprügelt, „manchmal habe Blut gespuckt und heruntergeschluckt“. Die Erwachsenen hätten die ganze Wut, die ganze Ausweglosigkeit, an den Kindern ausgelassen. „Wir mussten für alles büßen.“

Später sei die Familie dann in das Haus der Großeltern gezogen, sie sei aber bei Onkel und Tante geblieben, um zur Schule gehen zu können. „Ich bin morgens um vier Uhr aufgestanden, damit ich pünktlich um acht in der Schule war, nachmittags bin ich den Weg dann wieder zurück gelaufen, bei jedem Wetter und obwohl ich keine richtigen Schuhe hatte.“

Später, kurz nach Kriegsende sei die Familie nach Bosanska Krupa zurückgekehrt. Was sie vorfand, war schockierend. Viele der einstigen Nachbarn waren ermordet, Frauen, auch ihre Cousine, ihre Freundin, hatten alle erdenklichen Gräueltaten über sich ergehen lassen müssen. Häuser waren verwüstet, Fluss-Brücken zerstört.

Doch Steine kann man leicht wieder zusammen fügen, zerbrochene Seelen nicht. Sie brauchen Hilfe. Aber Amela Halilovic sagt traurig: „Die Frauen haben aber keine Kraft mehr, darüber zu reden.“ Und niemand helfe ihnen, Worte zu finden, für das, was passiert ist. „Bosnien hat die Kinder vergessen.“ Sie nennt diese Frauen Kinder, weil sie Kinder waren, als der Krieg über sie kam.

Kinder suchen ihre Väter

Diesen Frauen hilft Amela Halilovic heute mit ihrer Schwester, die als Sozialpädagogin in Bosanska Krupa arbeitet. Amela Halilovic lernte in Bosnien ihren Mann kennen, der im Ruhrgebiet arbeitete. Mit ihm kam sie später nach Bottrop. „Ich fahre mehrmals im Jahr nach Bosnien“, sagt sie. Dort führe sie und ihre Schwester therapeutische Gespräche mit den Frauen, die ihre Erlebnisse seit 20 Jahren verdrängten. Zugang zu den Frauen erhalte sie, indem sie anknüpfe an deren Kinderzeit.

Zudem sammelt sie Kleidung und andere Hilfsgüter für die Menschen in Bosanska Krupa. „80 Prozent der Leute sind arbeitslos.“ Männer seien nach all dem zu Alkoholikern geworden, sie schlügen die Frauen und sie schlügen die Kinder. Und viele Kinder wüssten, dass ihre Mütter vergewaltigt wurden, als sie schwanger wurden. „Aber keiner redet darüber.“ Dabei ließe die Suche nach den Vätern die Kinder keine Ruhe. „Der Krieg“, sagt Amela Halilovic, „der ist vorbei, aber für uns ist er noch nicht zu Ende. Und wenn wir daran denken, erzittern wir.“

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