Bier-Lohn: Experten halten Distanz

Eine Szene, in der offen getrunken oder gar andere Drogen genommen werden, gibt es in vielen Städten
Eine Szene, in der offen getrunken oder gar andere Drogen genommen werden, gibt es in vielen Städten
Foto: WAZ FotoPool
Essen diskutiert über ein Projekt, bei dem Alkoholiker Bier erhalten, wenn sie im Gegenzug ihr Umfeld sauber halten. In Amsterdam gibt es ein entsprechendes Projekt bereits. Wäre so etwas auch für Bottrop interessant?

Bottrop..  Die Nachbarstadt Essen möchte ein Projekt aus Amsterdam importieren, bei dem obdachlose Alkohol- und Drogenabhängige mehrere Dosen Bier am Tag erhalten, wenn sie dafür ihr Umfeld sauber halten. Diese Idee hat die Suchthilfe direkt entwickelt, eine Tochtergesellschaft der Stadt Essen. Hintergrund sind Klagen von Geschäftsleuten über Müll und Verunreinigungen in der Innenstadt.

Dabei sei von vorneherein klar, so Bärbel Marrziniak, pädagogische Leiterin der Suchthilfe Essen, dass sich dieses Angebot an schwere Alkoholiker richtet, die zahlreiche Therapien und Entgiftungen abgebrochen haben – sozusagen ausweglose Fälle, in denen keine Therapie helfe. In den Augen der Suchthilfe-Mitarbeiter würden die auf diese Weise etwas Sinnvolles leisten. Angeleitet von einer Respektsperson, die gleichzeitig Ansprechpartner für Bürger und Geschäftsleute ist, würden Sicherheitsempfinden der Bürger und Zufriedenheit der Geschäftsleute steigen, sagt Marrziniak mit Blick auf das Amsterdamer Vorbild.

Der Bottroper ÖDP-Ratsherr Johannes Bombeck ist Sozialpädagoge und arbeitet bei der Suchthilfe. Würde er das Projekt auf Bottrop übertragen? Grundsätzlich seien Bottrop und Essen nicht zu eins vergleichbar, so Bombeck. „Aber einige Probleme, die es in Essen gibt, gibt es – etwas kleiner vielleicht – auch in Bottrop.“ Daher halte er es für richtig, sich den Verlauf des Projektes anzuschauen – sollte es tatsächlich an den Start gehen. Auch wenn Bombeck zugibt, dass es ethisch-moralisch sicher nicht leicht zu verstehen sei, einem Alkoholiker Bier zu geben.

Auch deshalb steht Gerd Löbert, Stadtverbandssprecher der Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke „Kreuzbund“, dem Projekt skeptisch gegenüber. „Klar brauchen manche erst ein paar Bier, um sich zur Arbeit motivieren zu können, und ich finde es auch gut, wenn die Stadt sauber ist, aber ob damit Alkoholkranken geholfen wird, weiß ich nicht.“

Claudia Kretschmer von der evangelischen Sozialberatung hält nichts von der Idee, da es erstens nicht dem Problem der Wohnungslosigkeit von Schwerstalkoholkranken entgegenwirke. „Und zweitens sollte Arbeit nur mit Geld entlohnt werden.“ Zudem seien die Trinker auf dem Berliner Platz ohnehin stets bemüht, ihren Müll ordnungsgemäß zu entsorgen.

Jürgen Friedrichs, Leiter der Jugendhilfe, die auch Drogenberatungen anbietet, sieht das ähnlich. „Arbeit sollte mit Geld entlohnt werden, so dass die Menschen selbst entscheiden, was sie mit ihrem Lohn machen. Außerdem finde ich es ethisch bedenklich, Arbeit mit Alkohol zu entlohnen.“

Stadtsprecher Andreas Pläsken erklärt auf Anfrage, dass das Projekt in Verwaltung und Politik bislang nicht diskutiert werde.

 
 

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