Betrunken aufs Rad? - Selbstversuch mit der Rauschbrille

Wer durch die „Rauschbrille“ blickt, sieht alles nur verzerrt, doppelt und in schlierigen Farben. Volontärin Anne Wohland hat die 1,3-Promille-Brille unlängst aufgesetzt und ihre Radfahrtüchtigkeit getestet – mit bester Unterstützung ihrer zwei „Bodyguards“, Rolf Grubinski (re.) und Rolf Schmidt von der Verkehrswacht Bottrop.
Wer durch die „Rauschbrille“ blickt, sieht alles nur verzerrt, doppelt und in schlierigen Farben. Volontärin Anne Wohland hat die 1,3-Promille-Brille unlängst aufgesetzt und ihre Radfahrtüchtigkeit getestet – mit bester Unterstützung ihrer zwei „Bodyguards“, Rolf Grubinski (re.) und Rolf Schmidt von der Verkehrswacht Bottrop.
Foto: WAZ FotoPool
Gut 1,3 Promille im Blut – das gaukelt die „Rauschbrille“ dem Körper vor. Einen Parcours ablaufen, etwas vom Boden aufheben oder aufs Rad steigen, das geht nur langsam und schwankend. Wir haben die Brille, die betrunken macht, getestet: ein Selbstversuch in der Suff-Parallelwelt.

Bottrop.. Es ist vorbei: Der Schädel dröhnt. Ganz ehrlich, ich muss dringend etwas trinken oder Gummibärchen essen. Nach kurzen Minuten mit einer „Rauschbrille“ über meinen Augen, die meinem Körper vorgaukelt, ich hätte 1,3 Promille im Blut, geht’s mir zunehmend mies. Erst abends geht’s mir wieder richtig gut.

Dabei gewöhnt sich mein Körper an den Seh-Rausch in prallen Nachmittagssonne. Je häufiger mich das Team der Bottroper Verkehrswacht, der Vorsitzende Rolf Grubinski und der stellvertretende Geschäftsführer Rolf Schmidt, aus der Gleichgewichtsreserve lockt, desto leichter begebe ich mich in die Suff-Parallelwelt: Laufe bunte Parcours ab, kann mir das Gibbeln nicht verkneifen, setze die Füße zielsicher zwei Schritte neben die knallfarbene Linie, reiße die Arme hoch, um nicht beim Umdrehen und den anschließenden Rückwärtsschritten (die ich betrunken sowieso nie machen würde) aus dem Konzept zu fallen.

Ungraziös bis zum Umfallen

Pylone reiße ich um. Mit der Rauschbrille, die einer Ski-Brille ähnlich sieht, nur eben viel gefährlicher ist, weil sie meine Welt in Regenbogenschlieren taucht und Entfernungen unberechenbar macht, hilft mir auch pure Konzentration nichts. Nur wenn ich ein Auge zukneife, mich langsam wie eine Schnecke an die Umgebung heran taste und meinen Blick gesenkt halte, dann komme ich unbeschadet vorwärts. Klug sieht man dabei nicht aus, aber fahruntauglich und heftigst angeschickert.

Rolf Grubinski wirft vor mir Gummibärchen-Päcken auf den Boden, „zur Belohnung“, und grinst sicherlich breit, als ich die absolut ungraziös wieder aufhebe. All zu viele Zuschauer kriegen das nicht mit, denn der Parkplatz hinter dem Straßenverkehrsamt ist leer – wäre da nicht das Kamerateam.

Schließlich soll jeder sehen können wie ich mich anstelle, mit 1,3 Promille. Laut derzeit gültiger Gesetzeslage hätte ich durchaus auch noch mit 1,6 Promille Rad fahren dürfen, solange ich dabei keinen Unfall baue oder irgendwie auffalle. Bald könnte der Grenzwert auf 1,1 Promille gesenkt werden. So wird es von der Politik debattiert. Doch reicht das?

Meinem Gefühl nach: Nein! Schlangenlinien lassen sich so sicherlich fahren, aber allein das Aufsitzen aufs Rad ist unberechenbar. Meine zwei Verkehrswache-Bodyguards weichen jedenfalls nicht von meiner Seite. „Die Brille ist schließlich ‘ne Druckbetankung, von null auf 1,3 Promille in einer Sekunde“, sagt Schmidt und läuft mit Grubinski im Zickzack neben mir her.

 
 

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