Auf den Spuren des Großvaters

Wolfgang Schweitzer ist mit den Urkunden seines Großvaters nach Masuren, ins heutige Polen, gefahren.
Wolfgang Schweitzer ist mit den Urkunden seines Großvaters nach Masuren, ins heutige Polen, gefahren.
Foto: Winfried Labus/WAZ-FotoPool

Eigentlich wollte Wolfgang Schweitzer nur ‘mal die Landschaft kennenlernen, von der sein Großvater früher immer so geschwärmt hat: Masuren im heutigen Polen. Was er am Ende aber fand, das war ein Stück Familiengeschichte. „Mein Großvater hat immer gesagt: Ich bin einem schönen Land geboren“, erinnert sich der 68-Jährige. „Er hat seiner Heimat immer nachgetrauert.“ Zu dem inzwischen verstorbenen Gustav Kelput habe er ein sehr inniges Verhältnis gehabt. Er sei als Kind immer in den Ferien bei seinen Großeltern gewesen, die damals Am Schoolkamp gewohnt hätten.

Frau Adamcek erinnerte sich sofort

Und auch in Schulzeit sei er oft, sobald er mit den Schularbeiten fertig gewesen sei, von der Welheimer Mark aus, wo er heute noch wohnt, mit dem Rad ab zum Großvater. Der sei als junger Mann nach Bottrop gekommen, weil es in Masuren keine Arbeit gegeben habe. Doch die Heimat habe ihn nie losgelassen.

Im vergangenen Sommer dann sei er mit seiner Frau Marion und dem Schwiegervater seinen Sohnes, der polnisch spreche, auf in die Heimat seiner Vorfahren, ins frühere Bäslack, Kreis Rastenburg. Mit hohen Erwartungen seien sie hingefahren, erzählt das Ehepaar. „Aber das war ein kleiner, verlassen wirkender Ort. Wir haben gar nichts erfahren“, erzählt der Bottroper. Enttäuscht seien sie weitergefahren. Auch in Kirchen hätten sie nachgefragt, in Register geschaut. „Wir haben viel unternommen“, sagt Marion Schweitzer, „aber wir sind nicht weitergekommen.“ Keine Spur von dem Großvater, nirgends.

Sie hätten noch ein paar Tage Urlaub gemacht im früheren Nikolaiken, an einem der vielen wunderschönen Seen. „Wir sind dann aber doch noch mal hin“, erzählt Wolfgang Schweitzer weiter. Es habe ihm keine Ruhe gelassen. Und diesmal passierte es dann doch.

„Wir standen in dem Ort, da klopfte plötzlich jemand an meine Schulter und sagte: Meine Schwiegermutter spricht Deutsch.“ Eine junge Frau habe die kleine Gruppe aus Bottrop mit ins Haus genommen, zur Schwiegermutter. Ihr habe Wolfgang Schweitzer Unterlagen vom Großvater gezeigt. Und Frau Adamcek habe sich sofort erinnert. „Sie wusste, dass er damals abkommandiert wurde, um die Wolfsschanze mit zu bauen.“ Wolfsschanze, so hieß das Führerhauptquartier während des Zweiten Weltkrieges, das ganz nah bei Rastenburg lag.

„Mein Großvater“, sagt Wolfgang Schweitzer, „hat nie darüber gesprochen. Ich nehme an, weil er das nicht gern gemacht hat. Damals wurde wohl das halbe Dorf zu den Bauarbeiten abkommandiert.“ Frau Adamcek habe den Vater und die anderen jungen Männer auf einem alten Foto erkannt, das er mitgenommen hatte. „Ich habe das alles erst jetzt erfahren.“

Plötzlich traf er die beste Freundin seiner Mutter

Aber Frau Adamcek habe sich noch an jemand anderen erinnert, an Lotte: „Die ist doch damals immer in den Ferien hergekommen. Was ist mit ihr?“, habe die bettlägerige Frau ihn gefragt. „Lotte, das war meine Mutter“, sagt Wolfgang Schweitzer, ihr richtiger Name sei Charlotte gewesen. Sie wäre heute 85 Jahre alt, sei aber verstorben. Als Kind sei sie tatsächlich immer nach Masuren gefahren, zu den Eltern seines Großvaters, der ja inzwischen in Bottrop lebte. „Frau Adamcek und meine Mutter waren beste Freundinnen.“ Und jetzt auf einmal hätten Erzählungen der Mutter konkrete Bilder bekommen. So habe er die Kirche ausfindig gemacht, von der die Mutter immer geschwärmt habe. „Heilige Linde, mit einer außergewöhnlichen Orgel.“ Er bekommt noch jetzt leuchtende Augen, wenn er an ihre Erzählungen denkt. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es sie als Kind sehr beeindruckt hat.“ Die Reise, sagt der 69-Jährige, sei ergreifend gewesen. „Und der Dialekt: Frau Adamcek hat gesprochen wie mein Großvater. Ich war richtig angetan.“

Für Wolfgang Schweitzer war es nicht nur eine Reise nach Masuren, für ihn war es auch ein Abstecher in die eigene Kindheit.

 
 

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