Ahnenforschung spiegelt auch Stadtgeschichte

Antje Herbst erforscht seit 25 Jahren ihre Familiengeschichte. Allein der Stammbaum ihrer väterlichen Linie ist mittlerweile veireinhalb Meter lang.
Antje Herbst erforscht seit 25 Jahren ihre Familiengeschichte. Allein der Stammbaum ihrer väterlichen Linie ist mittlerweile veireinhalb Meter lang.
Foto: WAZ FotoPool
Antje Herbst ergründet seit 25 Jahren ihre Wurzeln. Sie sammelt bei der Ahnenforschung nicht nur dröge Daten, sondern auch die Erzählungen der Familie zu den Vorfahren – und fand genug Stoff für ein unterhaltsames Buch: Skurrile Figuren, Szenen aus Bottroper Stadt- und Weltgeschichte.

Bottrop.  „Ahnenforschung – das ist wie ein Krimi“, sagt Antje Herbst (59). Was sie in 25 Jahren über ihre Vorfahren herausgefunden hat, ist Bottroper Stadt- und Weltgeschichte zugleich, ein lebenspralles Sittengemälde, Stoff genug für ein Buch. Sie hat nie nur dröge Daten gesammelt, sondern immer die Erzählungen dazu. In diesem Familientheater treten (unter anderen) auf . . .

. . . ein Fremdenlegionär – der in den 1920ern filmreif aus einer Festung in Nordafrika flieht. Und im 2. Weltkrieg mit Rommels Afrikakorps dorthin zurück kehrt.

. . . ein bigotter Bergmann und Vereinsmeier, der zwar einen „Rosenkranzverein“ mit gründet, aber ungeniert das Vermögen seiner Gattin mit anderen Frauen verjuxt.

. . . eine Mutter, die sich mit einem Polizisten prügelt, damit ihre Kinder nicht zu Schule müssen.

. . . ein Schmied aus Keitum (Sylt), der 1919 mit dem rechten Freikorps in Bottrop-Süd gegen den linken Spartakus-Aufstand kämpft – und dessen Sohn 1945 als Bergmann nach Bottrop geht.

. . . eine resolute Witwe, die ihre drei Töchter als Zigarrendreherin durchbringt und von dem kargen Lohn noch ein Haus kauft. Diese Urgroßmutter bewundert Antje Herbst bis heute.

. . . ein Dienstmädchen in gutem Hause, das ein uneheliches Kind bekam. Der Vater – womöglich der Dienstherr? – ist nirgendwo verzeichnet. Väter von unehelichen Kindern wurden oft deren Paten. Die Daten sucht Herbst noch.

Wie es früher war in den Bergmannsfamilien: Es wurde viel erzählt

Ihre Art, die Ahnen zu erforschen, muss wohl mit ihren schlesischen Wurzeln zu tun haben. Wie es früher eben war in den Bergmannsfamilien: „Wir haben immer zusammen gesessen und erzählt“, lacht sie. Und irgendwann hat sie die Geschichten aufgeschrieben, hat in eigenen Unterlagen und Archiven nach Daten gesucht, hat um die halbe Welt geschrieben. „Und wenn Antwort kam – das war immer aufregend.“

So füllte sich eine buntes Mosaik. Die Menschengeschichten ihrer Ahnen hat sie einsortiert in die großen Ereignisse in Stadt und Welt: Der boomende Bergbau in Bottrop, die Kriege, die Europa durchgeschüttelt haben und ihre Vorfahren gleich mit.

Wie haben die Menschen damals gelebt, vor allem die Bergmannsfrauen

Und sie hat Antworten auf vermeintlich banale Fragen gesucht: Wie haben die damals gelebt – vor allem die Bergmannsfrauen vor hundert Jahren? Wie haben sie eingekauft, Essen gekühlt? Und wenn so viele Ostpreußen und Schlesien ins Ruhrgebiet gewandert sind, wie haben die das gemacht? Mit der Bahn? Womöglich zu Fuß? Es würde Antje Herbst nicht wundern: Von einem Onkel wird erzählt, er sei 1921 von Bottrop nach Schlesien gelaufen, um an einer Abstimmung teilzunehmen, welche Gemeinden nach dem ersten Weltkrieg Deutschland und welche Polen zugeschlagen werden. „Der war zwei Wochen unterwegs.“

Ob das alles mal ein Buch wird? Vielleicht. Ganz sicher möchte Antje Herbst mal eine Kostümführung durch Bottrop machen. Sie als Bergmannsfrau vor hundert Jahren. Und den Leuten, die mitgehen, will sie dann erzählen: Von ihrer Familie, von Bergleuten, den alten Häusern, wie es sich darin lebte.

Und vielleicht findet Antje Herbst dann irgendwann auch Antwort auf die Frage, mit der ihre Ahnenforschung überhaupt angefangen hat: „Warum bin ich so, wie ich bin . . .?“

Und hier einige Persönlichkeiten aus der Ahnengalerie von Antje Herbst:

Die Urgroßmutter Deutschmanek

Franziska Deutschmanek (1877 - 1961) war offenbar eine eindrucksvolle Persönlichkeit: Gläubig, stark, mutig. Ihr Mann blieb im ersten Weltkrieg. Eine der vier Töchter starb früh: Das Kind hatte sich beim Spielen mit Feuer selbst in Brand gesetzt. Franziska Deutschmanek wollte vor allem eins: Nie abhängig sein. Als sie ein Haus suchte, sollte es nicht in der Kolonie sein, aber nahe an Schule, Stadt und Kirche. Am alten Südring wurde sie fündig. Den Kaufpreis hat sie von ihren Witwenrente und als Zigarrendreherin abgestottert, den Tabak dafür selbst angebaut. Zehn Jahre habe sie kein Stück Fleisch gegessen, sich das Haus buchstäblich vom Munde abgespart. Als Bottrop im zweiten Weltkrieg ausgebombt wurde, blieb ihr Haus stehen. Eine einquartierte Familie wollte es ihr wegnehmen, die Urgroßmutter sollte ins Konzentrationslager. Antje Herbst: „Ich weiß bis heute nicht, was die ihr anhängen wollten.“ In ihrer Küche saß sie im besten Kleid, wartete darauf, abgeholt zu werden. Ein Nachbar, der Nazi-Blockwart der Siedlung, verhinderte das in letzter Minute.

Urgroßvater und Urgroßmutter Grzegorzek

Josef Grzegorzek, geboren 1862 in Orzesze (Schlesien) als Sohn eines Kohlenhändlers, kam 1887 als Bergmann nach Bottrop. Wie so viele war er angeworben worden für die Maloche im Ruhrgebiet. „Der war in allen Vereinen dabei“, erzählt Antje Herbst. Einen Rosenkranzverein hat der Urahn mitgegründet und 55 mal die Wallfahrt nach Kevelaer mitgemacht. Allzu katholisch lebte er jedoch nicht: Grzegorzek war zwar eher klein, hatte aber Schlag bei Frauen. Das Vermögen seiner wohlhabenden Gattin hat er mit anderen Gespielinnen durchgebracht. Nach ihrem Tod heiratete er ein zweites mal. Da war er 70 und hatte noch zwölf Lebensjahre vor sich.

Franziska Gregorzek (geborene Janik) litt wohl unter den Kapriolen ihres umtriebigen Gatten. Sie stürzte 1930 – der Überlieferung nach angetrunken – die Treppe herunter und brach sich das Genick. Ein Heimchen war sie gleichwohl nicht, im Gegenteil: Einmal hielt sie ihre Kinder aus der Schule fern, weil warme Winterschuhe für den Weg fehlten. Die Strafe dafür (Kartoffeln schälen) arbeitete sie ab. Als ein Polizist die Kinder danach wieder zum Schulbesuch drängen wollte, prügelte sie sich mit dem Uniformierten. Beide purzelten den Donnerberg hinunter in eine Köttelbecke. Die Folgen sind nicht überliefert. Nur so viel: Sie hatte ihr Ziel erreicht, die Kinder gingen vorerst weiter nicht zu Schule.

 
 

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