Adressbuch weckt den Forschergeist

Gastautorin Heike Biskup, Leiterin des Satdtarchivs
Die Chroniken des Amtmanns Tourneau zeigt Stadtarchivleiterin und WAZ-Gastautorin Heike Biskup (links). Das mit Tinte und Feder handgeschriebene Werk über die Jahre 1830 bis 1843 schauen sich hier Hermann Reinbold und Klaus Okroy an.Foto:Birgit Schweizer
Die Chroniken des Amtmanns Tourneau zeigt Stadtarchivleiterin und WAZ-Gastautorin Heike Biskup (links). Das mit Tinte und Feder handgeschriebene Werk über die Jahre 1830 bis 1843 schauen sich hier Hermann Reinbold und Klaus Okroy an.Foto:Birgit Schweizer
Foto: WAZ FotoPool
Führungen durch das Archiv beginnen mit der Präsentation der Glanzstücke, quasi dem „Best of“ Bottroper Stadtarchiv. Doch irgendwann schmökern die Gäste nur noch in Büchern mit Straßen, Hausnummern und Bewohnern. Denn dort lassen sich viele alte Bekannte finden.

Bottrop.  Bei Führungen durch das Stadtarchiv erhalten Besucher zunächst einen Überblick über die Bestände. Dabei werden natürlich „Highlights“ präsentiert. Die Chronik des Amtmanns Wilhelm Tourneau aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört dazu wie besondere Ausgaben von Tageszeitungen, die wir seit 1883 haben, das erste Gemeinderatsprotokoll von 1843 oder das kirchliche Register mit Taufen und Trauungen ab 1673.

Sie bleiben hängen

Ein „Best of“ sozusagen, ergänzt durch Akten, die alltägliches Verwaltungshandeln widerspiegeln, wird hier doch manchmal die große (Welt-)Geschichte im Kleinen fassbar. Die Teilnehmer dürfen dann selbst in den Dokumenten blättern und lesen. Sie können versuchen, die alte Schrift auf den Unikaten zu entziffern, fühlen, wie sich Hadern-Papier oder das Pergament einer Urkunde im Gegensatz zum modernen Papier anfühlt. Häufig bleiben die Gäste irgendwann bei den Adressbüchern hängen und hören gar nicht mehr auf, darin zu schmökern.

Die Adressbücher der Gemeinde und später der Stadt Bottrop gibt es seit 1911, und sie sind wirklich außerordentlich interessant. Etwa alle drei bis fünf Jahre ist ein Band erschienen, der letzte 1991. Durch den 1. und den 2. Weltkrieg entstanden allerdings Lücken. Seit den 90er Jahren standen wohl Datenschutzgründe der Herausgabe von Adressbüchern entgegen.

Die Nachschlagewerke sind in verschiedene Kapitel, früher Abteilungen genannt, untergliedert. Nach einem einleitenden Teil mit einem ausführlichen Behördenverzeichnis und eine stadtgeschichtlich interessante Statistik über die Gemeinde Bottrop folgt ein alphabetisches Namensverzeichnis der erwachsenen Einwohner. Früher wurden hier allerdings nur die - in der Regel männlichen - Haushaltsvorstände genannt.

Alte Nachbarn

Namen von Frauen finden sich selten, nur dann, wenn sie einen eigenen Hausstand führten, was zu dieser Zeit eher die Ausnahme war. Interessant ist, dass die Adressbücher bis zum Ende der siebziger Jahre auch Berufsangaben machten.

Im anschließenden Teil, und das ist für viele das eigentlich Bemerkenswerte, sind die Straßen nach Hausnummern geordnet aufgeführt und die Bewohner der einzelnen Häuser genannt. Man kann also alte Nachbarn finden und erforschen, in welcher Umgebung die Vorfahren lebten. Man sieht zum Beispiel auch, wie die heutige Straße früher - etwa in der Nazizeit - hieß, als es neben einer „Adolf-Hitler-Straße“ auch einen „Platz der SA“ in Bottrop gab.