Zeitreise führt mitten ins „Paradies“

Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Das Stoffverdeck durfte maximal 18 Sekunden geschlossen bleiben, „um sittlichen Untrieben keinen Vorschub zu leisten“. Der bis in die 1960er Jahre geltenden Verordnung zum Trotz: Zum Knutschen und Fummeln hat’s damals in der Raupe gereicht. Wer’s mochte und mag, kann’s wiederholen oder ausprobieren: beim Historischen Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle.

Bochum. Zum sechsten Mal bildet das Industriedenkmal die Kulisse für den „europaweit größten Hallen-Jahrmarkt mit historischen Fahrgeschäften“, wie Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, betont. Vor fünf Jahren hatten die NRW-Kirmesbeschicker die Jahrhunderthalle ausgeguckt, um hier ihren Jahresempfang auszurichten. Schnell war klar: Die Westpark-Kathedrale wäre auch der ideale Ort für eine Zeitreise: für einen Rummelplatz, wie er im 19. und 20. Jahrhundert im Rahmen kirchlicher Feste (Kirmes kommt von Kirchmesse) zu finden war.

Schaustellerfamilien aus ganz Deutschland machten sich daran, ihren vor einer halben Ewigkeit ausgemusterten Karussells neues Leben einzuhauchen. Ein Dutzend der Fahrgeschäfte dreht sich seit 2008 bei den Jahrmärkten in der Jahrhunderthalle – mit steigender Resonanz. 15 000 Besucher waren es 2012, als kurzfristig ein drittes Wochenende drangehängt wurde. Diesmal wird die Rummel planmäßig an drei Wochenenden veranstaltet. „Wir sind optimistisch, die Besucherzahlen nochmals zu toppen“, sagte Hallenchef Andreas Kuchajda beim Start am Samstag.

Ältestes Prunkstück ist ein wunderschönes Pferdekarussell aus dem Jahr 1886 mit filigran geschnitzten Holzfiguren. Einmalig sind auch die Raupe von 1926, ein Spiegelkabinett aus den 20er Jahren, ein Kettenflieger und eine Geisterbahn (mit echtem „Erschrecker“) aus den 30er Jahren, ein Holzriesenrad von 1902 und ein Autoscooter („Der Selbstfahrer“) von 1950: allesamt liebevoll restauriert, fahr- und betriebstauglich, vom TÜV abgenommen.

Geisterbahn mit „Erschrecker“

Gleichfalls einen großartigen Kontrast zu den High-Tech-Geräten, die die Meister des organisierten Erbrechens auf den heutigen Kirmessen rotieren lassen, bildet die „Fahrt ins Paradies“. Die 1939 erbaute hölzerne Berg- und Talfahrt war über 50 Jahre in einer Scheune in der Pfalz eingelagert. Seit wenigen Jahren erfreut das nahezu unveränderte Unikat wieder Kinder, Eltern und Großeltern.

Historische Orgeln, Schaustellerwagen, Kasperletheater, Zauberer, ein Armbrustschießen und die Retro-Kluft der Mitarbeiter runden den Spaß für Jung und Alt ab.

Der Historische Jahrmarkt wird am 23./24. Februar und 2./3. März fortgesetzt. Im Eintritt (Erwachsene 12,50 Euro, Kinder bis 14 Jahre 9,50 Euro) sind beliebig viele Karussellfahrten enthalten.

Am Montagabend liefert der Jahrmarkt zum zweiten Mal die Kulisse für den „Pink Monday“. Schwule, Lesben und ihre Freunde feiern ab 19 Uhr eine Party mit Musik und Tanz. Der Eintritt kostet 9,50 Euro. Beim ersten „Pink Monday“- Abend 2012 strömten 800 Besucher in die Jahrhunderthalle.

Traditionell lassen die Schausteller ihre Kinder auf der Kirmes taufen. So auch am Montag.

Am Vormittag wird Lennard von Olnhausen, einjähriger Enkel von Schausteller-Präsident Albert Ritter, auf dem Historischen Jahrmarkt getauft.


Ein Altar wird errichtet; eine Kirmesorgel sorgt für Festmusik.

 
 

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