“Wir sind VfL“: Stübers Vorwurf ist absurd

Thomas Schmitt
Zeit für neue Helden? Nach dem Spiel am Freitagabend gegen Fürth könnte sich diese Frage stellen. Foto: Ingo Otto
Zeit für neue Helden? Nach dem Spiel am Freitagabend gegen Fürth könnte sich diese Frage stellen. Foto: Ingo Otto
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
VfL-Bochum-Boss Ernst-Otto Stüber hatte der Fan-Initiative „Wir sind VfL“ vorgeworfen, sich bewusst von anderen Fangruppen abspalten zu wollen. Andreas Wiemers (32) von der Initiative nennt den Vorwurf absurd.

Bochum. VfL-Bochum-Boss Ernst-Otto Stüber (71) hatte im Gespräch mit der WAZ der Fan-Initiative „Wir sind VfL“ vorgeworfen, sich bewusst von anderen Fangruppen abspalten zu wollen. WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach mit Andreas Wiemers (32), der die Fan-Initiative mitgegründet hat.

Herr Wiemers, sind Sie ein Spalter?

Andreas Wiemers: Die Aussage von Herrn Stüber fand ich witzig. Seit unserer Gründung arbeiten wir mit Fanclubs, Fans, Mitgliedern und mit dem Verein zusammen. Wir wollten und wollen ein selbstorganisiertes Fannetzwerk ins Leben rufen. Das ist genau das Gegenteil von Spalten. Der Vorwurf ist insofern absurd.

Wie erklären Sie sich dann diese Aussage?

Wiemers: Das kann ich mir nicht erklären. Herr Stüber kennt uns aus unserer praktischen Arbeit heraus, wir haben weitergehende Forderungen aufgegeben und sind immer Kompromisse eingegangen.

Haben Sie mit Herrn Stüber über sein Zitat gesprochen?

Wiemers: Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben.

Und wie lautet die Antwort?

Wiemers: Er hat mich auf der jüngsten Fanclubkonferenz angesprochen. Den gemeinsamen Nenner haben wir in dem kurzen Gespräch dann aber noch nicht gefunden.

Wie groß ist die Gruppe, die sie vertreten? Für wen sprechen Sie eigentlich?

Wiemers: Das Manifest, mit dem wir im letzten Jahr gestartet sind, haben gut 300 Fans unterzeichnet. Wir sprechen aber für niemanden. Das würden wir uns nicht anmaßen. Wir wollen VfL-Fans, auch den nicht organisierten, eine Plattform bieten, auf der sie diskutieren, sich eine Meinung bilden und mit Leuten ins Gespräch kommen können, die sie sonst nicht treffen könnten. Wir machen keine aktive Vereinspolitik und erst recht nicht „Trainer-raus-Kampagnen“.

In der Öffentlichkeit wird Ihre Initiative gern mit dem Sturz von Werner Altegoer zusammengebracht. War das keine Vereinspolitik?

Wiemers: Das ist ein hartnäckiges Gerücht, das sich bis heute durch alle Medien zieht, die ja teilweise voneinander abschreiben…

…der WAZ können Sie diesen Vorwurf aber nicht machen.

Wiemers: Okay, es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen. Dass wir Altegoer gestürzt haben, ist jedenfalls nicht richtig. Nach der Veröffentlichung des Manifests hatten wir Gespräche mit dem alten Vorstand und dem alten Aufsichtsrat. Das Mitgliederforum und die Satzungskommission sind Ergebnisse dieser Gespräche. Die Jahreshauptversammlung bekam am Ende eine Eigendynamik, die nicht wir, sondern diejenigen, von denen die Abstimmung durchgeführt wurde, erzeugt haben. Erst dies hatte zur Folge, dass dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigert wurde.

Jetzt soll die Satzung geändert werden. Was denn?

Wiemers: Den Satzungsentwurf vorzustellen, würde ich gern dem Verein überlassen.

Sie forderten eine Demokratisierung. Unter anderem sollen Aufsichtsräte einzeln gewählt und abgewählt werden können. Wie man hört, soll das künftig möglich sein.

Wiemers: Ja, aber es wird keine Pflicht sein.

Warum ist das Wählen en bloc einigen im Verein so wichtig?

Wiemers: Ich als Kritiker dieser Variante bin eigentlich der falsche um das zu beantworten. Letztlich geht es wohl darum, Interessierten einen Gesichtsverlust mit schlechten Ergebnissen zu ersparen. In einer Gruppe lässt sich dies vermeiden. Und es heißt, die Wahl von Gruppen ermögliche eher ein Team, das harmonisch zusammenarbeitet.

Was verstehen Sie ansonsten unter Demokratisierung?

Wiemers: Ich denke da zum Beispiel an Liverpools Trainer-Legende Bill Shankley, der sagte: „Der Verein gehört den Fans, die ihn unterstützen. Die Direktoren sind nur dazu da, die Schecks zu unterzeichnen.“ Wir wollen, dass dieser Geist auch bei uns einzieht. Vorstände und Aufsichtsräte gehen, der Fan in der Kurve bleibt als stabiler Faktor. Frank Goosen hat es ja auf den Punkt gebracht: Der VfL muss sich die Frage stellen, ob er mit den Fans auf Augenhöhe reden will oder ob diese nur freundlich sein und zahlen sollen.

Der VfL hat unlängst sein 4000. Mitglied begrüßt. Trägt die Öffnung des Vereins, trägt Ihre Arbeit Früchte?

Wiemers: Das kann ich nicht wirklich beantworten. Im vergangen Jahr hatten wir 3500 Mitglieder. Den Zuwachs auf uns zurückzuführen, das wäre vermessen. Viele Menschen aber erkennen wohl, dass in dem Verein etwas passiert, es fällt daher leichter, Mitglied zu werden. Wichtig wäre es, den Beitrag zu senken. Für 78 Euro kommt man sieben Mal ins Stadion. Für viele Fans, die sich jeden Groschen absparen und auch noch Beiträge für den Fanklub aufbringen müssen, ist das viel. Den VfL zu unterstützen ist ein teures Hobby.

Werden die Beiträge auf der Fankonferenz am 8. September ein Thema sein?

Wiemers: Nein, wir wollen mit Herrn Todt ins Gespräch kommen, ihn kennenlernen, er soll seine Ideen präsentieren und sagen, wohin er mit dem VfL Bochum will.

Wie bewerten Sie die Umbrüche im Jugendbereich und den Abgang von Sportvorstand Thomas Ernst?

Wiemers: Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber alles bringt nichts, wenn die Mannschaft das auf dem Feld nicht widerspiegelt. Der VfL ist nur attraktiv, wenn sein Spiel auch attraktiv ist.

Und wie bewerten Sie nun die aktuelle Situation?

Wiemers: Der Frust ist fast größer als letztes Jahr. Ich hatte nach der Relegation die Hoffnung, dass aus der Mannschaft etwas erwächst, dass sie eine Reaktion zeigt auf den verpassten Aufstieg, den uns die Deutsche Fußball Liga mit ihrem Vermarktungsinteresse geklaut hat – Platz drei hätte normalerweise ja gereicht. Das Motto von Jens Todt „frech und trotzig“ hat die Mannschaft aber mit ihrer Spielweise komplett konterkariert.

Was kritisieren Sie?

Wiemers: Dass sich die Spielweise unter Trainer Funkel nicht weiterentwickelt. Ein Grund, warum wir nicht aufgestiegen sind, war auch die Tordifferenz. Wer aufsteigen will, muss Tore schießen. Wir sind aber nur bemüht, Tore zu verhindern. Das löst Unzufriedenheit aus.

Die Palastrevolution gegen Altegoer erfolgte nach einer Niederlage gegen Greuther Fürth. Wird Trainer Friedhelm Funkel nach einer erneuten Niederlage gegen Fürth am Freitag noch zu halten sein?

Wiemers: Ich möchte an dieser Stelle keine Entlassung fordern. Aber nach einer Niederlage gegen Fürth müssten sich Aufsichtsrat und Vorstand schon selbstkritisch die Frage stellen, ob der Verein seine Ziele noch erreichen kann. Können wir es uns leisten, dass Leute, die 30 oder 40 Jahre lang dem VfL die Treue gehalten haben, sich abwenden, weil sie die Schnauze voll haben? Ich setze da ganz auf die Weisheit der Verantwortlichen.

Ihr Tipp für das Spiel gegen Fürth?

Wiemers: 2:1 für den VfL.

Die Fan-Initiative „Wir sind VfL“

Die Fan-Initiative „Wir sind VfL“ wurde im Mai letzten Jahres nach dem unrühmlichen Abstieg des VfL Bochum gegründet. Mit einem Manifest für einen Neuanfang beim VfL Bochum 1848 wandten sich die Initiatoren der Initiative Sebastian Enste, Benjamin Mikfeld, Ralf Koyro und Andreas Wiemers damals an die VfL-Fans.

Inzwischen haben mehr als 300 Einzelpersonen und Fanclubs das Manifest unterzeichnet. Darunter in Fanclubs organisierte und Unorganisierte, altgediente und junge, prominente und weniger prominente VfL-Fans.

Ein großer Teil des von der Initiative eingeforderten Neuanfangs wie eine Veränderung des Aufsichtsrates, mehr Mitsprachemöglichkeiten für Fans und Mitglieder ist umgesetzt und auch die Demokratisierung der Vereinsstrukturen steht beim VfL mit der geplanten Satzungsänderung auf der Tagesordnung.