Bochum

Wie Imame im Revier den radikalen Salafismus bekämpfen wollen

Die Botschaft: Du kannst zur Elite gehören. Dafür musst du nichts tun - du musst nur ein „guter“ Moslem sein.
Die Botschaft: Du kannst zur Elite gehören. Dafür musst du nichts tun - du musst nur ein „guter“ Moslem sein.
  • Immer mehr Jugendliche werden zu radikalen Salafisten
  • Viele Moscheen ignorierten das Problem lange
  • Das Bochumer Projekt #Selam will das ändern

Bochum. Tuncay Nazik kennt seine Suren. Er kann stundenlang über religiöse Fragen diskutieren. Wenn es früher Probleme in der Gemeinde gab, fand er schon eine Antwort: im Koran.

Doch dann fingen ein paar Jugendliche an, von Ungläubigen zu schwadronieren. Von den „Kuffar“. Sie wollten ihm, dem Imam, erzählen, wie man den Islam richtig lebt. Dass Muslime sich wehren müssten gegen die Ungläubigen.

„Diese Jugendlichen sind religiöse Analphabeten“

Und zum ersten Mal war Tuncay Nazik, der stellvertretende Imam der muslimischen Gemeinde in Herne-Röhlinghausen, mit seinen Suren am Ende.

„Diese Jugendlichen sind im Grunde religiöse Analphabeten. Die lernen ein paar bestimmte Textzeilen auswendig, können aber nicht mal arabisch“, sagt Nazik. Diskussionen auf theologischer Ebene brachten nichts. „Die denken sowieso, dass sie alles besser wissen.“

„Wir haben das Problem sehr spät wahrgenommen“

Das ist ein Problem. Ausgerechnet die religiösen Führer in den Moscheen wissen oft nicht, wie sie mit Jugendlichen umgehen sollen, die sich radikalisieren. „Wir haben das sehr spät wahrgenommen. Auf Terror und Gewalt sind wir in den Moscheen nicht eingegangen“, sagt Nazik.

Das soll sich jetzt ändern. Beim Bochumer Projekt #Selam werden muslimische Gelehrte zu Präventionsarbeitern ausgebildet. Nazik hat seinen Lehrgang gerade hinter sich.

Es gab zu wenig Prävention

„Die Prävention wurde in Deutschland zu lange vernachlässigt. Oft reagieren Institutionen erst, wenn sich die Jugendlichen schon radikalisiert haben. Aber dann ist es zu spät“, sagt Piotr Suder vom #Selam-Koordinationsteam.

Und wie sieht die Prävention aus?

„Wir müssen Gegen-Narrative zu dem entwickeln, was dschihadistische Salafistengruppen den Jugendlichen erzählen“, sagt Suder. Das heißt: die Argumente der Dschihadisten entkräften.

Dschihadisten produzieren extrem professionelle Clips

Keine leichte Aufgabe: Die Dschihadisten produzieren extrem professionell gemachte Videoclips, die genau den Nerv ihrer Zielgruppe treffen. Die Botschaft der Radikalen: Wenn du bei uns mitmachst, gehörst du zu der Elite unter den Muslimen.

Dann bist du besser als alle anderen. Und dafür brauchst du keine Ausbildung, keine guten Noten, kein Geld: Du musst nur ein guter Muslim sein. Und schon bist du Teil einer Jugendbewegung.

Aber: Wer zum Teufel fühlt sich denn davon angezogen?

Eine ganz einfache Erklärung gibt es nicht, sagt Piotr Suder. Aber es gibt Mechanismen, die offenbar immer wieder greifen. „Meist geht es am Anfang um Ungerechtigkeit. Einige muslimische Jugendliche haben das Gefühl, dass Muslime grundsätzlich ungerecht behandelt werden.“

Ihren Eltern werfen sie dann vor, sich nicht gewehrt zu haben. „Sie halten sie für schwache Muslime. Sie wollen anders sein, mehr Erfolg haben, als ihre Eltern.“

Einfaches Schwarz-Weiß-Schema

Das einfache Schwarz-Weiß-Schema radikaler Salafisten bietet ihnen dann die Lösung.

Wie steuert #Selam dagegen?

„Über Multiplikatoren. Ich wähle jetzt Jugendliche aus, die zum Beispiel an ihren Schulen Gegenargumente liefern, wenn irgendjemand Hasspredigten hält“, sagt Nazik.

Dschihadisten erzählen zum Beispiel gern diese Geschichte: Nach den Anschlägen von Paris gab es im Westen viel Solidarität: Das Brandenburger Tor leuchtete in den französischen Nationalfarben. Und nach den Anschlägen von Istanbul? Da war nichts. Und warum nicht? Weil Muslime im Westen nichts zählen.

„Die Jugendlichen glauben das dann einfach. Weil die Salafisten ihnen natürlich nicht die Bilder vom Eiffelturm zeigen, der nach dem Anschlag in den türkischen Nationalfarben leuchtete“, erklärt Nazik. „Beim #Selam-Projekt lernen wir, die richtigen Argumente parat zu haben. Und die wiederum wir an Jugendliche in unseren Gemeinden weiter.“

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